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Nachdenken über den Raum hinaus.

In: Schwerter Rundschau, 15. September 2003.

Vertrautes neu entdecken. Drei Künstlerinnen
schaffen völlig neues Raumerlebnis für Schwerter City.
In: Schwerter Zeitung, 12. September 2003.

"Orten" gibt Orten neuen Sinn. Ines Tartler, Grazyna Wilk und
Käthe Wenzel eröffnen ihre Ausstellung "raum.raum.raum"
In: Schwerter Zeitung, 15. September 2003.

Was macht der Grüne Mann in St. Viktor?.
Spannendes Rahmenprogramm zur aktuellen Ausstellung.
In: Schwerter Rundschau, 15. September 2003.


Marktkirche läutet Ausstellungseröffnung ein.
In: Schwerter Rundschau, 12. September 2003.

Ettling, Silke: raum.raum.raum
In: raum.raum.raum. Katalog zur gleichnamigen Ausstellung im Kunstverin
in Schwerte. Mit Arbeiten von Ines Tartler, Grazyna Wilk und Käthe Wenzel,
kuratiert von Silke Ettling. Berlin 2003. S. 3-10.

Meixner, Christiane: Das Spiel mit dem Verfall
In: Berliner Morgenpost, 26. Juni 2003.

Fuhlbrügge, Heike: Mind the Gap! Ein revisionistisches Konzept im Werk
von Käthe Wenzel. In: Käthe Wenzel: Apokryphen. Objekte 1999-2003.
Berlin 2003. S. 3-5.

Naturverbunden II
In: taz, 18. Juni 2003.

Siegel, Steffen: Blütenlese, ohne Punkt und Komma: Käthe Wenzels Apokryphen-Buch.
In: kondensat 20/Juni 2003. Themenheft zur Ausstellung "Naturbeobachtuingen - zwischen
Kunst und künstlich" im Projektraum der Galerie Piper und Engler im Pfefferberg, Berlin.

Kornmeier, Uta: Black Market
In: The Ex-Berliner 12/June 2003.

Samuel, Nina: Schwarzhandel.
In: Käthe Wenzel: Apokryphen. Objekte 1999-2003. Berlin 2003. S. 6-9.

Käthe Wenzel - Expositie mei Lokaal4.
In: Breed Uit April 2003. (Amersfoort - NL).

Im Bauch von Ost-Berlin. Die galerie kurt im hirsch zeigt
junge Künstler in Berlin-Prenzlauer Berg.

In: New York Arts Magazine, Januar 2003.

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Schwerter Rundschau, 15. September 2003, S.1.

Nachdenken über den Raum hinaus

Schwerte. Nicht fassen konnte der Kunstverein bei seiner Vernissage am Freitagabend die Schr der Gäste, die sich in den Wuckenhof drängte. "raum.raum.raum." ist die jüngste Schau überschrieben, die im Kunstverein und im Stadtgebiet Spuren hinterläßt. Eine Aussage ist vielen Arbeiten gemein: Die Grenzen zwischen Architektur und Kunst sind fließend.

So mag der auf grauem Grund über der Eingangstür platzierte Text die Aufmerksamkeit der Besucher auf sch lenken bevor sie anklingeln um in den Kunstverein eintreten zu können. Man fühlt sich an Inschriften im Gebälk über den Türen von Fachwerkhäusern erinnert. Sie beinhalten Segenssprüche, Angaben zur Baugeschichte der Häuser oder Hinweise auf ihre Bewohner. Auch in der Schwerter Altstadt findet man solche Beispiele.
Im Innern des Wuckenhofs zieht ein kleines Modell, das sich bei genauem Hinsehen als maßstabsgetreuer Nachbau des Kunstvereins erweist, die Blicke auf sich. So eröffnet der Nachbau gleichermaßen einen Einblick in das Zusammenspiel der drei Ausstellungsräume als Betrachtungsrahmen für die Kunst.
Gleich nebenan wird der Raum zur imaginären Bühne und Garderobe: Da fällt der Blick auf ein aus Knochen genähtes Korsett, das auf einem Kleiderbügel von der Decke hängt. In seiner Aussteifung bildet es auf seine Weise einen Raum im Raum. Ein korsett, in das man gedanklich hineinschlüpfen kann um zu erforschen, wie man sich darin wohl fühlen mag.

Ergänzt wird die Schau im Wuckenhof durch weitere Ausstellungsräume in der Innenstadt. "Wir freuen uns sehr darüber, daß wir die Evangelische Kirchengemeinde von St. Viktor, vertreten durch Pfarrer Claus Marquard, sowie die Geschäftsleute Astrid Schade, die Buchhandlung Schmidt uns Foto Conradi als Kooperationspartner für unser Projekt gewinnen konnten. Sie alle haben es der Künstlerin Käthe Wenzel ermöglicht, ihre Arbeiten auch an anderen, für sie relevanten orten auszustellen," sagte Silke Ettling in ihrer Begrüßung. Die junge Schwerterin, dei Kunstgeschichte in Berlin studierte, hat erstmals eine kuratorische Begleitung für den Schwerter Kunstverien übernommen.

Mit Grazyna Wilk, betonte Silke Ettling, konnte eine Künstlerin für die aktuelle Ausstellung gewonnen werden, die bereits im Frühjahr dieses Jahres beim Wettbewerb "Wasser in der Stadt" mit einer Arbeit vertreten war, für die sie den 2. Preis bekommen hat. Ihr Brunnen soll nach Möglichkeit realisiert werden. Gespräche werden soeben zwischen der SEG - Schwerte und der Künstlerin geführt.
"Die Mitarbeit von Ines Tartler," leitete Ettling zur dritten Künstlerin über, "war uns insofern besonders wichtig, da sie mit ihrer Arbeit konkret auf die Situation vor Ort Bezug nimmt und damit auch die Frage stellt, wie sich der Kunstverein am Wuckenhof als Ausstellungsort in das Gesamtgefüge der Stadt einbindet."

Dem Verein liege viel an der Zusammenarbeit mit anderen kulturprägenden Institutionen und Orten der Stadt, betonte die Kuratorin. Durch die Mitarbeit von Pfarrer Marquard, Judith Neumann und Peter Blaschke vom Jugendamt, der Eintrachtschule, der VHS, Martina Schulte von der Malschule, Marc Wittershagen von 5,4 und Nachtwächter Uwe Fuhrmann sei es gelungen, ein abwechslungsreiches Rahmenprogramm zur Ausstellung anzubieten.

 

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Schwerter Zeitung, 12. September 2003, S.1.

Vertrautes neu entdecken.


Drei Künstlerinnen schaffen völlig neues Raumerlebnis für Schwerter City

Schwerte. "irgendwas ist anders." Ab heute 19 Uhr werden aufmerksame Schwerter einige Ecken ihrer Innenstadt neu entdecken. Der Kunstverein Schwerte eröffnet um 19 Uhr im Wuckenhof die Ausstellung "raum.raum.raum". Das Besondere? Der Eröffnungsgang durch die Ausstellung wird ein Marsch durch die City. Silke Ettling vom Kunstverein hat die drei Künstlerinnen Ines Tartler, Käthe Wenzel und Grazyna Wilk eingeladen, sich mit dem Thema Raum zu beschäftigen. Natürlich standen dafür die drei Räume im Wuckenhof zur Verfügung, aber die Künstlerinnen wagten auch den Ausbruch und eroberten die Stadt.

Die prägendsten Eingriffe stammen von Käthe Wenzel. Schon von weitem kann man das grüne Tuch sehen, das aus der obersten Luke des St.-Viktor-Turmes hängt. Grün ist auch eine der spannendsten installationen des gesamten Projekts: Der grüne Mann. Der grüne Mann ist eine puppe, von außen besetzt mit Blättern römischen Salates. Aus dem Grün, den Blättern und dem scheinbar toten Mann ergeben sich in der gotischen Kirche zahlreiche symbolische Beziehungen zu dem Raum. "Der grüne Mann ist eine Figur aus dem heidnischen Maibrauchtum, der Tod und Erneuerung in sich vereinigt," erklärt Käthe Wenzel.
"Mit diesem grünen Mann, der mitten in der Kirche liegt, wird man erst gewahr, wie viele Blatt-Pflanzen-Motive es in der Architektur von St. Viktor gibt", meint Pfarrer Claus Marquard zu der Wirkung der Figur. Spuren hat Käthe Wenzel auch in den Schaufenstern von Modistin Astrid Schade, der Buchhandlung Schmitt und Foto Conradi hinterlassen, auch hier sorgen ihre Installationen dafür, daß man angeregt wird, lange vertraut geglaubte Räume neu zu betrachten.

Ines Tartler kam bereits im Frühjahr nach Schwerte, um sich einen Eindruck vom hiesigen Raum zu verschaffen. Dazu reiste sie per Bahn ohne Wegbeschreibung an. Sie fand den Kunstverein nur durch Passantenbefragung. Die so aufgesogene Atmosphäre der Stadt soll sich in ihrer Interpretation widerspiegeln. Die Stühle vor dem Wuckenhof gehören mit zu ihrer Installation. Grazyna Wilk setzt sich als Architektin schon beruflich mit Kunst auseinander und sucht eine Antwort, wie man Architektur mit Kunst verbinden kann oder ob Architektur bereits Kunst ist. Sie hat in ihrem, dem mittleren Raum, eine maßstabsgetreue Nachbildung des Raumes aufgebaut, gerade so groß, daß man sich über den Rand lehenn kann. In dem Raum steht ein Modell des Wuckenhofes.

Den Rundgang durch Schwerte an den Installationsorten vorbei leiten am heutigen Abend um 19 Uhr Silke Ettling und Kunstvereins-Chef Michael Schade und Claus Marquard mit ihren Begrüßungsworten ein.

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Schwerter Zeitung, 15. September 2003, S.1.

"Orten" gibt Orten neuen Sinn.


Ines Tartler, Grazyna Wilk und Käthe Wenzel eröffnen ihre Ausstellung "raum.raum.raum"

Schwerte. So viele Gäste wie schon lange nicht mehr kamen am Freitag in den Wuckenhof, um sich von drei Künstlerinnen in einen anderen "Raum" entführen zu lassen. Kunst, darunter versteht man Bilder, oder auch Skulpturen aus Stein. Zumindest tut sich niemand schwer, diese als Kunst zu betrachten. Aber nichts von diesen Dingen ist in der Ausstellung "raum.raum.raum" im Wuckenhof zu finden. Vielmehr haben sich die drei Künstlerinnen Ines Tartler, Grazyna Wilk und Käthe Wenzel mit der Kunst des Raumes beschäftigt. Jede auf ihre eigene Art. Und so unterschiedlich, wie die drei Frauen, so unterschiedlich ist auch ihre Kunst.

"Orten" nennt Ines Tartler das Ergebnis ihrer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Wahrnehmungssituationen. Und stellt den ungeübten Ausstellungsbesucher auch gleich vor einen nicht leichte Übung. Ein auf den ersten Blick leere, weißer Raum empfängt den neugierigen Gast. Aber auf den zweiten Blick erschloss sich dem genauen Betrachter eine völlig unnormale räumliche Wahrnehmung.
Die Vorhänge hingen von außen an den Fenstern, die Stühle standen nicht im Zimmer, sondern draußen auf dem Vorhof. Ines Tartler bringt so mit ihrer Vorstellung unseren alltäglichen Begriff von Raum völlig aus dem Gleichgewicht, und der Besucher muss sich einen "neuen Raum schaffen", der vielleicht nicht von Wänden begrenzt ist. So ist der Raum nicht leer, sondern selbst die Kunst.

Grazyna Wilk hingegen beschäftigte sich mit dem "Raum im Raum". Sie baute Installationen im Raum auf, die wiederum ihren eigenen Raum schaffen. So läßt die Berlinerin eine Modellsituation entstehen, die für jeden Besucher individuell wandelbar ist.

Den wohl größten Schritt machte Käthe Wenzel mit ihrer Idee. Denn sie beließ es nicht alleine bei der Ausstellung im Kunstverein. Sie weitete ihre "wandelbare Räumlichkeit" auf die ganze Stadt aus. So erklärten sich kurzer Hand die Gemeinde von St. Viktor, die Buchhandlung Schmidt, die Geschäftsleute Astrid Schade und Foto Conradi dazu bereit, es der Künstlerin zu ermöglichen, ihre Darstellung von "Raum" auch außerhalb der Wuckenhof-Räume zu präsentieren.

Das Publikum war an diesem Abend von den drei Frauen begeistert und ist vielleicht mit einem erweiterten Begriff von Räumlichkeit nach Hause gegangen. Auf jeden Fall ist die Ausstellung "raum.raum.raum" ein interessantes Kunsterlebnis, für das man, um es zu verstehen, nur zwei wache Augen braucht.

 

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Schwerter Rundschau, 15. September 2003, S.1.

Was macht der Grüne Mann in St. Viktor?


Spannendes Rahmenprogramm zur aktuellen Ausstellung - Auftakt am 26. September

Schwerte. "An den Grenzen ist viel Platz" so ist der zweitägige Workshop überschrieben, der am 26. und 27. September den Auftakt zum Rahmenprogramm zur aktuellen Ausstellung "raum.raum.raum" macht. Ausgangspunkt sind die raumbezogenen Arbeiten der drei Künstlerinnen. Die Kursleitung hat Silke Ettling, Kuratorin der Ausstellung. Der Workshop wird in Kooperation mit der VHS und Malschule angeboten.
Was hat es mit dem "Grünen Mann" in St. Viktor auf sich? Und mit dem geheimnisvollen Buch, aus dem das Grün sprießt? Die Arbeiten der Künstlerin Käthe Wenzek nehmen Bezug auf Kirche und Raum. Am Dienstag, 30. September, laden Silke Ettling und Claus Marquard von 19 bis 20 uhr zum Gespräch in die Marktkirche ein.
"Ich bin ein Teil der Nacht" heißt es am 2. Oktober. Ab 19 Uhr geht Nachtwächter Uwe Fuhrmann wieder seine Runden. Auf seinem Weg durch die historische Altstadt erzählt er auch die Geshcichte von der Burg.
Zu einem theologisch-kulturhistorischen Vortrag laden claus Marquard und Silke Ettling am 9. oktober um 19:30 in St. Viktor ein. Ein Ausstellungsgespräch steht am 12. Oktober um 15:30 im Kunstverein auf dem Programm. Ebenfalls im Kunstverein wird am 14. oktober um 19:30 der Film "39 Häuser in 45 Jahren" reflektiert, in dem die Künstlerin Ciska Bogmann die Geschichte ihrer Familie aufzeigt. Die bezog in 45 Jahren 39 Häuser, kaufte, baute um und verkaufte wieder und lebte dabei in den Niederlanden, in Australien, in Deutschland und in Spanien.
Zur Finissage am Freitag, 17. Oktober, sollen noch einmal gemeinsam mit den drei Künstlerinnen die Räume genossen werden. Lassen Sie sich überraschen!

 

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Schwerter Rundschau, 12. September 2003, S.1.

Marktkirche läutet Ausstellungseröffnung ein

Weithin sichtbar: Die grüne Fahne, die am Turm von St. Viktor weht. Die Marktkirche konnte damit als einer von mehreren Orten für die Ausstellung "raum.raum.taum" gewonnen werden, die heute um 19:00 Uhr im Domizil des Kunstvereins, dem Wuckenhof, eröffnet wird. Die Schau versteht sich - wie berichtet - als ein Angebot, über die Beschaffenheit und die bedeutung von Raum nachzudenken. Hierfür haben die drei Künstlerinnen Ines Tartler, Grazyna Wilk und Käthe Wenzel drei verschiedene Raumsituationen geschaffen.

 

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raum.raum.raum

von Silke Ettling

Seit 17 Jahren engagiert sich der Kunstverein Schwerte unter Leitung von Ulfried Weingarten darum, zeitgenössische Kunst in Schwerte zur Diskussion zu stellen. Zunächst ab 1987 in der Kampstraße zu Hause, konnten 1995 die neuen und mit großem Einsatz der Mitglieder hergerichteten Räume im Wuckenhof bezogen werden. Dort stehen dem Kunst-verein seither drei großzügig geschnittene Räume für seine Aktivitäten zur Verfügung. Mit ihren weißen Wänden und dem grauen Fußboden entsprechen sie dem heute üblichen Bild eines neutralen Ausstellungsraumes, der eine möglichst störungsfreie Betrachtung von Kunst gewährleisten soll. Wie neutral aber kann ein Raum sein, unauffällig und von daher zu allem passend, an keine Interessengruppe gebunden, aufgehoben in seiner Wirkung und in seinem Einfluss auf das darin zur Anschauung Gebrachte? Als das hier skizzierte Projekt erste Formen annahm, dachte ich zunächst noch nicht an das Thema Raum. Eher an einzel-ne Konstellationen, die sich aus der Präsentation der ausgewählten künstlerischen Positio-nen im Zusammenspiel der drei Räumen entfalten ließen. Der Titel zur Ausstellung hat sich erst im Verlauf des Projektes im Dialog mit den drei Künstlerinnen herauskristallisiert.

Entstanden ist ein Gefüge aus drei spezifischen Angeboten, über die Beschaffenheit und die Bedeutung von Raum nachzudenken. "schließlich", so ein Text von Ines Tartler, "liegt eine der äußeren unserer in der das aufwirft, an dem gezeigt wird. Es verhält sich weil das selbst sich ohne präsentiert und der durch nichts ablenkt. Es ist das als, das zum wird, bezogen auf den, an dem gezeigt wird." Auf grauem Grund über der Eingangstür platziert, wird der Text vielleicht die Aufmerksamkeit der Besucher zunächst auf sich lenken, bevor sie anklingeln, um eintreten zu können. Dort verortet, erinnert das Geschriebene an Inschriften im Gebälk über den Türen von Fachwerkhäusern. Oft sind es Segenssprüche, die in das Holz eingra-viert wurden, Angaben zum Bau des Hauses oder Hinweise auf seine Bewohner. Auch in der Schwerter Altstadt finden sich solche Beispiele. Als die Künstlerin im Frühjahr von Berlin nach Schwerte reiste, um den Ort der Ausstellung kennen zu lernen, ist sie auch in diesem Teil der Stadt umhergegangen. Was aber möchte diese Aufschrift vermitteln? Für eine An-kündigung ist sie zu wenig konkret, eher scheint sie etwas zu beschreiben, das unbestimmt bleibt, eine Behauptung, die sich entzieht, auf das Innere des Hauses ebenso verweisen kann, wie auf die Rolle des Kunstvereins als ein Ort des gedanklichen Austausches im Ge-füge der Stadt - und auf den Besucher, der kommt, um herein zu schauen.

Vom Flur öffnet sich der Blick in zwei Richtungen. Durch den Zugang zum mittleren Raum wird die Aufmerksamkeit auf einen zweiten Raum gelenkt, der in den größeren hineingebaut wurde. Auf der anderen Seite des Flures behindert eine Schwingtür die freie Sicht auf den dahinter liegenden Raum. Beim Eintreten wiederholt sich der Eindruck des Verborgenen. Vorhänge, von außen vor die Fenster gehängt, machen es dem Besucher unmöglich, einen Blick nach draußen zu werfen. In die Atmosphäre des Verborgenen mischt sich ein Gefühl des Privaten, ein auf das Innere konzentrierter Raum, in dem man sich möglicherweise un-beobachtet fühlt, bis einer der Vorhänge von außen angehoben wird oder der nächste Be-sucher durch die Schwingtür tritt. Zu sehen gibt es weder Objekte noch Bilder. Zwischen Schwingtür und Vorhängen entfaltet sich stattdessen eine spannungsreiche Grundkonstella-tion verschiedener Eindrucksmomente, die den eintretenden Besucher an die Nahtstelle von Innen- und Außenraum führt.

Nährt die Abgeschlossenheit des Innenraumes das Bedürfnis, darüber hinaus zu gehen, wecken die Vorhänge außen die Neugier auf das dahinter Verbor-gene. Im Innern bleibt der Betrachter auf sich und den Raum konzentriert, zwischen beiden entwickelt sich eine Grundkonstellation des Betrachtens, die von den Texten an den Wänden aufgegriffen wird. Sie bieten Anhaltspunkte, in dieser Richtung weiterzudenken, über die im Innern entstandene Wahrnehmungssituation wieder hinaus zu gehen. Zwischen Konzentra-tion und Öffnung wird das Orten von Raum zu einem fließenden Prozess, in dem sich einzel-ne Wahrnehmungsmomente zu einem beweglichen Geflecht von Eindrücken verdichten. Die angebotene Wahrnehmungssituation ist ihrerseits das Ergebnis eines solchen Prozesses. Nach ersten Gesprächen in Berlin folgte die Reise nach Schwerte, um den Ort der Ausstel-lung näher kennen zu lernen. Die beim Umherstreifen durch die Stadt und in den Räumen des Kunstvereins gewonnenen Eindrücke von der spezifischen Situation vor Ort bilden das Material, mit dem Ines Tartler ihren Beitrag zu dieser Ausstellung erarbeitet hat. Hervorge-gangen aus den Nahtstellen dieser Eindrücke ist eine Raumsituation entstanden, die die Grenzen zwischen Architektur, künstlerischer Arbeit, Kunstraum und öffentlichem Raum in der Wahrnehmung des Betrachters ineinander fließen lässt. "schließlich liegt eine der äus-seren unserer in der das aufwirft" - schließlich?

Beim Eintreten in den mittleren Raum eröffnet sich dem Besucher eine andere Ausgangssi-tuation. Hier sind die Fenster nicht verhangen, der Blick kann frei zwischen innen und außen hin- und hergleiten, so dass die Eindrücke ungehindert ineinander fließen können. Unweiger-lich tritt man dabei irgendwann auf einen der vielen Klebestreifen auf dem Fußboden. Folgt man der Struktur aus Streifen, ergibt sich der Grundriss eines Gebäudes, der exakt in den Grundriss des mittleren Ausstellungsraumes eingefügt worden ist. Während man aus der Vo-gelperspektive auf den Plan hinunterschaut, tappt man zwischen den aufgeklebten Raumein-heiten hin- und her und kann Maß nehmen. Auf der Basis dieses Grundrisses ist eine der darin enthaltenen Raumeinheiten in den Ausstellungsraum hineingebaut worden. Bei einer Wandhöhe von 1,20m bietet der kleinere Raum den Besuchern mit entsprechender Körper-größe die Möglichkeit, von oben in den so umbauten Raum hineinzusehen. Dahinter befindet sich ein kleines Modell, das sich bei eingehenderer Betrachtung als maßstabsgetreuer Nach-bau des Kunstvereins erweist. Reduziert auf die Grundmaße der Räume eröffnet der Nach-bau einen modellhaften Einblick in das Zusammenspiel der drei Ausstellungsräume und auf die Brückenfunktion des mittleren, verortet zwischen den beiden anderen.

Zwischen den Po-sitionen von Ines Tartler und Käthe Wenzel hat Grazyna Wilk eine Installation entworfen, die von der Bedeutung des Raumes als architektonischer Grundeinheit ausgeht. Im Blick auf eine möglichst variable Nutzung der Räume () definiert Architektur den funktionalen Rahmen für das, was sich später in ihr entfalten soll. Für den Ausstellungsraum gilt hier nach Maß-gabe des aktuellen Kunstbetriebs noch immer die Vorgabe, den Raum in seiner Wirkung und in seinem ästhetischen Einfluss auf die Präsentation von Kunst möglichst zurückzunehmen. Die Architektur als möglichst verborgener Betrachtungsrahmen für die Kunst? Im Gefüge dieser Ausstellung kann Architektur an der Verbindungsstelle zwischen den beiden anderen Positionen ihren eigenen Raum besetzen. Während sie sich in den beiden angrenzenden Räumen als Bestandteil eines komplexen Beziehungsgefüges in die jeweilige Wahrneh-mungssituation einfügt, eröffnet sie im mittleren Ausstellungsraum eine Konstellation des Betrachtens, die Architektur als funktionale und ästhetische Ordnung erfahrbar macht. Die Grenzen zwischen Architektur und Kunst sind auch in diesem Raum fließend.

Von hier aus gelangt man in den dritten Ausstellungsraum. Der Sichtachse folgend, fällt der Blick auf ein aus Knochen genähtes Korsett, das dort auf einem Kleiderbügel von der Decke hängt. In seiner Aussteifung bildet es auf seine Weise einen Raum im Raum. Das auf Maß geschneiderte Kleidungsstück aus Stoff und Knochen provoziert das Bild eines eingeschnür-ten Körpers, der auf diese Weise in eine ideale Form gebracht werden soll. In den Gedanken an eingezwängte Organe mischt sich das Bedürfnis, das Korsett zu berühren, seine Schnüre zu lösen, um dem imaginären Körper Luft zu schaffen, vielleicht auch, um ihn zu enthüllen. Die Vorstellung an einen Körper verbindet sich in irritierender Weise mit dem ausgestellten Korsett, das von der Decke hängende Objekt wird zu einem tragbaren Kleidungsstück, in das wir gedanklich schlüpfen können, um zu erforschen, wie man sich wohl darin fühlen mag. Der Ausstellungsraum enthält weitere Kostümobjekte. Es gibt einen Haarnisch und ein Kleid mit Moosbewuchs, ein Hexenhemd, einen zweiten Flug-versuch und die Fischhaut: ein paar Füße aus Latex zum Überziehen, die griffbereit oder ab-gelegt an der Wand hängen. All diese Einzelstücke sind sorgfältig und auf Maß gearbeitet.

Sie präsentieren sich als künstlerische Objekte und erwecken gleichzeitig den Eindruck trag-bar zu sein, vorausgesetzt, dass man die richtige Konfektionsgröße hat. Vielleicht sind es ja auch die abgelegten Kleider einer nicht greifbaren Person, die dem Betrachter zum gedank-lichen Rollenspiel angeboten werden? Ergänzt werden sie durch Objekte wie das in kleinen Glasflaschen aufbewahrte Wimpernpaar einer Diva oder das eingerahmte Brusttoupé unter Glas. Sie wirken wie die kostbaren Überreste einer Person, auch wie Ersatzteile, sorgsam konserviert und ausgestellt, wie es Praxis in medizinhistorischen Sammlungen ist. Auch sie fordern uns heraus, dass Bild zu ergänzen und werden damit wie die Kostümobjekte in un-serer Vorstellung zu Stellvertretern für ein Individuum, einen spezifischen Charakter oder eine Rolle, in die man schlüpfen kann oder hineingedrängt wird, die man ablegen oder sich aneignen möchte, und die uns als Gestalten aus Dichtung, Kunst und Musik seit Jahrhunder-ten vertraut sind. Im Ausstellungsraum miteinander arrangiert, treten sie in einen vielschich-tigen Dialog zueinander. Das einzelne Kunstwerk wird zu einem Teil des Raumes. Wie auf einer imaginären Bühne werden historisch gewachsene Rollenbilder miteinander arrangiert und auf ihr jeweiliges Verhältnis von Kleidung, Körpergefühl und Selbstbild befragt. Dem Be-trachter bieten sie Variationen von Identität, die gedanklich durchprobiert werden können.

Der Ausstellungsraum wird damit selbst zu einer Variation. Er ist zurückgenommener Be-trachtungsrahmen, imaginäre Bühne und Garderobe in einem - ein Angebot, über die Wand-lungsmöglichkeiten von Identität und Rollenbildern nachzudenken. Raum wird hier in vielfäl-tiger Weise zu einem gedanklichen Bezugspunkt für die Arbeiten. Als Ausstellungsraum er-wachsen aus einer eigenen Tradition des Sammelns und Präsentierens bietet er die Möglich-keit, sich auf das künstlerische Einzelwerk bzw. die in ihm geschaffene Wahrnehmungssitua-tion zu konzentrieren, die ihrerseits den Blick auf Bezugspunkte lenkt, die über den künstlich geschaffenen Betrachtungsrahmen hinausweisen. Bezugnehmend auf historische Rollenbil-der und Traditionen sind sie an verschiedenen Orten denkbar. Der Kirchenraum übernimmt hier eine besondere Schlüsselfunktion, da er die jahrhundertealte Prägung der europäischen Kultur und Identität durch die christliche Glaubenslehre verkörpert. Das dort während der Ausstellung gezeigte Apokryphen-Buch verweist hierauf, indem es den Blick auf das Verbor-gene lenkt, das vormals nicht in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen wurde. Erwei-tert wird der Bezug zum historischen Ort durch die Einbeziehung der Schaufenster eines Mo-degeschäftes und einer Buchhandlung, in deren Auslagen während der Ausstellung weitere Arbeiten zu sehen sein werden. "Leg Deine Kleider ab, leg Deinen Körper ab. Häng sie hin-ter die Tür. Freiheit für eine Nacht. Hier ist, wo die Geschichte beginnt - ein neuer Anfang, immer ein anderes Ende." architektonischer raum. ausstellungsraum. öffentlicher raum. historischer raum - Raum, so ein Gedanke dieser Ausstellung, entwickelt sich an der Nahtstelle solcher Bezüge. Die abge-steckten Grenzen sind fließend und in unterschiedlichsten Konstellationen denkbar. Raum als eine in ihren Koordinaten nicht fest begrenzte Ausdehnung, ein für jmdn., etw. zur Verfü-gung stehender Platz = ein Freiraum?

Aus: raum.raum.raum. Katalog mit CD zur gleichnamigen Ausstellung im Schwerter Kunstverein 2003. Mit Arbeiten von Ines Tartler, Grazyna Wilk und Käthe Wenzel, kuratiert von Silke Ettling. Berlin 2003. S. 3-10.

 

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Berliner Morgenpost, 26.Juni 2003, S.15.

Das Spiel mit dem Verfall

von Christiane Meixner

Ein Kleid aus Gold und Wimpern - so lang wie ein kleiner Finger. Kein Wunder, daß es die Kunst von Käthe Wenzel bloß im "Schwarzhandel" gibt! Der Weg zur gleichnamigen Ausstellung der jungen Berliner Künstlerin führt durch zwei ranzige Hinterhöfe in Prenzlauer Berg, an denen ein Jahrzehnt Sanierungswut bislang spurlos vorüber gegangen ist. Die Galerie "kurt im hirsch" hat diesen Ort mit Sinn für das Morbide gewählt - und vielleicht als ein letztes imposantes Zeugnis wahrer Vorwendezeit.

Im Innern der Galerie setzt Käthe Wenzel dieses Spiel mit dem Verfall gekonnt fort. Verschließt die falschen Wimpern in zwei mit Flüssigkeit gefüllten Gläsern und nennt das "Diva" (2002) oder flicht blondes Kunsthaar und Muscheln zu einem glitzernden Kostümobjekt namens "Genoveva-Phantom".

Das tiefrote Kleid "Bilingual" spricht mit zwei Latexzungen, die wie falsche Brüste am Dekolleté kleben. An der Decke flattern derweil Vögel aus Knochen und schillernden Federn, während unten auf dem Tisch eien Fruchtschale mit verkohlten Trauben, Orangen und schwarzem Granatapfel lockt. Kein Zweifel: Auch Wenzels barocke Welt einer vergänglichen Schönheit lebt vom Charme des Zerfalls. Weil die Künstlerin, die seit 1999 regelmäßig ausstellt, diese Schönheit mit allen Mitteln zu bewahren sucht, konserviert sie die begehrten Objekte. Das Ergebnis sind poetische Präparate, die zwangsweise allerdings auch die Spuren ihres Verfalls in sich tragen: Die verbrannten Früchte zeigen Sprünge, das Präparat schimmert giftig gelb und in das "Wundertäterhemd" hat sich eine der Flüssigkeiten aus den transparenten Brustfensterchen gefressen.

Gerade das "Wundertäterhemd" offenbart jedoch, daß es der Künstlerin nicht allein um den morbiden Effekt ihrer Skulpturen, Objektkästen udn Wandkleider geht. Gerade erst hat sie über die Schnittstellen zwischen Kunst und Medizin promoviert und festgestellt, wie schmal der Grat zwischen den Wirk- und Werkstoffen beider Disziplinen oftmals ist.

Ihre Arbeit wirkt wie ein Reflex - nicht als pure Illustration, sondern als Fortschreibung dieser Erkenntnis mit anderen, ungewöhnlichen Mitteln. Auch die übrigen Exponate entpuppen sich als kokette Grenzgänger zwischen Kleid und Kunst, Reliquie und Körper. Selbst Wenzels bevorzugte Materialien wie Wachs, Latex, Stoff, Knochen und einmal sogar frisches Gras sind nie eindeutig, sondern oszillieren zwischen Ekel und manchmal nahezu sakraler Erhabenheit. Und genau dies ist der Grund ihrer Faszination.

 

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Mind the Gap!

Ein revisionistisches Konzept im Werk von Käthe Wenzel.

von Heike Fuhlbrügge

Käthe Wenzels Arbeiten beweisen eine verblüffende ikonografische Sicherheit. Wie im Suchscheinwerfer fokussieren sich in ihren Werken Ideen und Motive der Humaniora ebenso wie humorvolle Scharaden, doch scheint die Enträtselung dieser Zitate und Topoi weniger durch Analyse als vielmehr in einer Synthese weitläufiger Denkräume möglich zu sein. Verwirrend anspielungsreich und vielschichtig treffen Werktitel wie Liber Floridus, Codex I-III und Stilleben I, als Insignien kulturellen Wissens mit Artefakten und Materialien wie Haaren, Latex und Knochen aufeinander.

Widerspruch und Zweifel evozieren diese Arbeiten, deren organische und anorganische Stofflichkeit gleichsam zu haptischen Trägern abgründigen Humors und spielerischer Revision der Termini werden, wie beispielsweise das Multiple Schwammige Begriffe (Objekt, 2002) veranschaulicht. Titel und Kunstobjekt wirken dichotom, wenn aus einem geschwärzten, aufgeschlagenen Buch ein kräftiger Büschel Gras herauswächst und dies mit der Bezeichnung Apokryphen belegt wird. Motiv- und Spurensuche im kulturellen Vorratslager zwingt damit das Gedächtnis auf Hochtouren. Welches Buch ist gemeint? Das Buch der Natur? Oder findet sich hier ein Bezug zu Schlegels Vergleich des Universums mit einem Buch, so als würden wir in einem „kolossalen Roman„ leben?

Dieses Buch des Lebens, das sich aus Zufällen und Fragmenten zusammensetzt, verbunden mit dem Gras, das für ewige Wiederkehr des Lebens steht. Ist das Werk also absichtslos aneinandergereiht, eine Geschichte ohne Anfang und Ende, indem jedes Fragment einen „Entwurf der Welt„ (Novalis) beinhaltet, ähnlich der Frage des Florestan in Ludwig Tiecks Roman „Franz Sternbalds Wanderungen„: Muss alles ein Ende haben? Offene, nichtlineare und mehrstimmige Strukturen hinterfragen hier die Logik, die aufgelöst scheint und gerade sich daraufhin neu zusammensetzt. Der Betrachter wird mobil, gerät auf eine innere Reise, auf der gesellschaftlich geprägte Kodierungen und Systeme sich als Trugbilder erweisen.

Venus mit Fäusten: von der vita contemplativa zur vita activa Die Zuckerpuppe ist ein kleinplastischer Abguss der Venus von Milo aus feinkristallinem, weißen Zucker. An ihren Torso sind die aus Wachs nachgebildeten Arme des David von Michelangelo geschnürt. Als Stereotype ist die Venus das Sinnbild für Weiblichkeit, das die kulturelle und soziale Konstruktion eines Frauenbilds in der Gesellschaft bis heute bedient. Sie ist das „fragment érotique„, das im Kanon von Eros, Melancholie und Tod mitschwingt. Im kulturellen Kontext erscheint sie heute mehr als ein „ästhetisches Urphänomen von Ambivalenz„ (Adorno), von Schmerz und Sexus, während sie früher als schöpferische Potenz der Göttin gesehen wurde. Ihr Fragment steht als Metapher des Unvermögens zur Handlung, das kontemplative Innerlichkeit kennzeichnet. Diesen Mangel begreift Käthe Wenzel als Chance, an zementierten Vorstellungen zu rütteln: Wer möchte nicht die wehrhaften Arme des Davids besitzen, der einen Riesen bezwang?

Im Kombinieren von typisch weiblichen und männlichen Fähigkeiten lösen sich festgefügte Identitäten auf. Gleichzeitig wird der David von seiner politisch, machtvollen Rolle als Symbol kampfbereiter Bürgerschaft demontiert, statt dessen das Prinzip Weiblichkeit um ein Handlungswerkzeug bereichert. Der Werkstoff Zucker unterstreicht das revisionistische Konzept, in dem der kanonische Materialbegriff abgelöst wird durch ein süßes Nahrungsmittel, das einerseits stets von Auflösung bedroht, andererseits zählebiges Konservierungsmittel ist. Archivierung und Verwandlung, Grenzen und Auflösungsprozesse sowie Schein und Authentizität bilden hier die Parameter eines „anything goes!„, des Grundsatzes von Paul Feyerabend gegen die „Sucht nach geistiger Sicherheit in Form von Präzision, Objektivität und Wahrheit.„

Aus: Käthe Wenzel: Apokryphen. Objekte 1999-2003. Berlin 2003. S. 3-5.

 

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Blütenlese, ohne Punkt und Komma

Käthe Wenzels Apokryphen-Buch

von Steffen Siegel

Für Bibliomanen, die viel zu oft und noch dazu viel zu viel Geld für Bücher ausgeben, ist Käthe Wenzels Buch eigentlich eine Zumutung. Denn wahllos ist ihnen doch zunächst einmal grundsätzlich alles spannend, was sich zwischen zwei Buchdeckeln befindet. Blättern will man also in der "Geschichte der Diplomatie", die da aufgeschlagen liegt. Selbst wenn inzwischen, es ist gar nicht zu übersehen, Gras über die Sache gewachsen ist. Zwar sind die Seiten gut verklebt, doch werden immerhin mit einiger Mühe die Buchstaben, unter der pechschwarzen Lasur begraben, im Streiflicht wieder lesbar. Eigentlich macht es aber die Sache nur schlimmer. Denn spätestens da, wo sich ein scharfes Messer, ohne Rücksicht auf Punkt und Komma, durchs Papier gegraben hat, endet die Entzifferungsarbeit. Wer hat behauptet, dass ein Geheimnis nur dazu da sei, früher oder später entdeckt zu werden? Dieses Buch jedenfalls ist hartnäckiger. Ihm ist das Apokryphe, das Verborgene also, das es im Namen führt, nicht zu entlocken.

Vielleicht sollte man sich eher an das wirklich Sichtbare halten. Fast gewaltsam hat hier die Natur vom Buch Besitz ergriffen. Die Buchstaben müssen den Graswurzeln weichen: Es scheint, als habe Käthe Wenzel ein altes Spiel einfach umgekehrt. Schließlich hat man lange genug vom Buch der Natur gesprochen und etwa dort, wo eigentlich nur ein Grashalm zu sehen war, vor allem die kunstvolle Kalligraphie eines göttlichen Federkiels zu entdecken geglaubt. Und nannte man nicht ganz im Ernst Bücher, die streng genommen abgedruckte Zettelkästen waren, Florilegien, Blütenlesen also? Hier jedenfalls, im Apokryphen-Buch, gibt es nur noch wirkliche Blüten. Allerdings, Bücherleser wissen das nicht so genau, haben Gräser überhaupt Blüten, die diesen Namen verdienen? Man sollte gleich - wo denn sonst? - in einem Buch nachsehen!

Aus: kondensat Juni 2003. Themenheft zur Ausstellung "Naturbeobachtungen - zwischen Kunst und Künstlichkeit"

 

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taz 18.Juni 2003, S.28.

Naturverbunden II

taz Berlin lokal, TAZ-Bericht

Der Verdacht, daß Natur momentan eine ziemlich angesagte Thematik künstlerischer Arbeit zu sein scheint, gab Anlass, 13 internationale Positionen zum Thema "Naturbeobachtungen" zu versammeln. Die Arbeiten müssen trotzdem nicht immer nach der Natur gemacht sein. Sie können, wie bei Hans Martin Sewcz auch eine Konstruktion aus verzinkten Kohleschaufeln aus DDR-Bestand sein, die im Foto dennoch wie ein seltsamer Aronstab aussieht.
Käthe Wenzel freilich schlägt ganz konkret das Buch der Natur auf - und siehe da, es wächst Gras über die (Druck-)Sache. Und Jeongmoon Choi sieht Garn als Regen.

 

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The Ex-Berliner 12/June 2003, S.36.

Black Market

by Uta Kornmeier

The bowl of fruit in this exhibition of new work by Käthe Wenzel is not recommended as refreshment, for it has passed its use-by date by several hours - hours spent in an oven at nearly 200°C. Charred but miraculously not burned it is a tongue-in-cheek-reference to Christ´s time in limbo and His Ascension. Do I hear cries of overinterpretation? Be assured the artist knows her iconography, having just completed a PhD in art history. Her work feeds off these little intellectual references and is particularly strong on the side of secular relics of a modernised Passion.

 

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Schwarzhandel

von Nina Samuel

Diven sind eine rare Spezies. Ihr hochmütiger Blick erweckt Ehrfurcht und Begierde. Käthe Wenzel hat den Blick der Diva medusenartig gebannt und in Essig gelegt (Diva, 2002). Die langen Wimpern in Glasampullen sind melancholische Zeugnisse verblühter Schönheit, haltbar gemacht für die Nachwelt. Analog dazu bewahrt sie Pflanzen in Honiggläsern vor ihrem Verblühen (Botanikersouvenir, 2003) - unterstreicht so aber nur noch deutlicher ihre Vergänglichkeit. Unschuld oder Verdorbenheit? Man kommt ins Zweifeln, denn neben den Blüten befinden sich Indizien und Tatwerkzeuge eines Verbrechens, ebenfalls in Honig eingelegt (Vergangene Gewalttat a-d, 2002). Und auf dem Tisch liegt nur noch verbranntes Obst (Stilleben, 2003).
Käthe Wenzel ist eine Archivarin menschlicher Obsessionen, die in ihren ironisch-morbiden Konservierungen nachhallen, so wie ihr Stilleben aus verbranntem Obst noch von der Hitze des Ofens zeugt. Man befindet sich an einem bizarren Tatort, der wie ein modernes Memento Mori von der Glut vergangener Leidenschaften kündet. Wenzel präsentiert Reliquien einer aktualisierten Passionsgeschichte, die mit wohlplatzierten semantischen Schnitten die kulturellen Übereinkünfte und Standards hinterfragen. Ihre Kostümobjekte sind Konsum- und Heilsversprechungen (Wundertäterhemd, 2002). Sie operieren an der Schnittstelle zwischen kriminalistischer Autopsie und der herben Poesie der Archive, zwischen aufgeschobener Verwesung und chirurgischer Sakralität. So wie ihr von Gras überwuchertes Buch (Liber Floridus, 2003) seine Geheimnisse nur bruchstückhaft preisgibt, so sind alle ihre Objekte verrätselte Spuren, die uns auf verschlungenen Wegen in einen neo-barocken Garten zwischen Mythos und Wissenschaft entführen.

Die heilige Genoveva wurde als Frau des Volkes bezeichnet, war das Kind armer Bauern und blieb zeitlebens jungfräulich - eine Diva stellt man sich so sicher nicht vor. Bei Käthe Wenzel wird sie zum Gespenst aus Kunsthaar (Genoveva-Phantom, 2003). Gibt es heute noch wahre Diven? Vielleicht entdeckt man sie auf dem Schwarzmarkt der konservierten Leidenschaften zwischen Honiggläsern und verbranntem Obst.

Aus: Käthe Wenzel: Apokryphen. Objekte 1999-2003. Berlin 2003. S. 3-5.

 

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Breed Uit, April 2003

Käthe Wenzel - Expositie mei Lokaal4

Amersfoort - NL

Käthe Wenzel beweegt zich op het grensvlak van natuurwetenschap en kunst. Zij gebruikt wasafdrukken en afgietsels van lichaamsdelen en organen. Ze werkt met botten, haar, veren, suiker, rubber en brood. Haar objecten lijken zo uit een medisch laboratorium, een archief of een vreemdsoortig museum te komen. De verbluffende overeenkomst van de kunstobjecten met een medisch of archeologisch voorwerp, een bewijsstuk of gevonden voorwerp, doelt op een verwarring van vermeend helder gescheiden "domeinen". Dat leidt tot hernieuwde overwegingen over de verschillen en gemeenschappelijkheden van uitgangspunten.

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New York Arts Magazine, Januar 2003

Im Bauch von Ost-Berlin

Die galerie kurt im hirsch zeigt junge Künstler in Berlin-Prenzlauer Berg

In Prenzlauer Berg gibt es viel zu entdecken, insbesondere rund um den U-Bahnhof Eberswalder Straße, wo früher die Mauer verlief und die Stadt an ein abruptes Ende kam. In alten Läden und Erdgeschosswohnungen, wo die Mieten noch gering sind, zwischen und hinter den Cafés und Restaurants haben sich alle Arten kleiner Läden, Werkstätten, Ateliers und Galerien eingenistet. Eine davon ist die galerie kurt im hirsch im zweiten Hinterhof der Kastanienallee 12, einem Gebäude aus den 1890er Jahren, das sich sein angeschlagenes Ostberliner Aussehen bewahrt hat.

Die drei Räume im Erdgeschoss sind von einer Gruppe tatkräftiger junger Kunsthistoriker und Künstler entdeckt und renoviert worden, die dort ihre Arbeiten ausstellen oder ihre Fähigkeit als Kuratorinnen und Kuratoren unter Beweis stellen wollen. Wie viele andere in Berlin fühlten sie sich wenig inspiriert von dem, was sie in den kommerziellen Galerien in Mitte und West-Berlin zu sehen bekamen - während sie andererseits nur zu gut wussten, wie viel neue und aufregende Kunst in Berlin von jungen Künstlern aller Nationalitäten fortwährend produziert wird. Die galerie kurt im hirsch ist seit vier Jahren aktiv und hat jungen Künstlerinnen wie Saskia Hetzer aus den Niederlanden, Christina Giakoumelou aus Griechenland und Ulrike Gamst oder Käthe Wenzel aus Berlin erste Einzelausstellungen ermöglicht.

Bis Ende Februar zeigt kurt im hirsch die schrillbunten Bilder von Jim Avignon. Inspiriert vom Stil und den charakteristischen Gesten der Comic-Kunst, untersucht der Künstler die Verwicklungen und Rückschläge des menschlichen Daseins und das Streben nach Glück - das, wie wir alle wissen, allzu oft zu komischen oder tragischen Situationen führen kann. Avignon lässt die Gegenstände in seinen Bildern selbst menschlich werden: Rollende Särge, danebenschießende Revolver, ein Buch, das einen Striptease hinlegt, Computer, Kühlschränke und Wolkenkratzer erzählen vom Leben, von Ordnung und Chaos. Dies passt gut in die Räume der galerie kurt im hirsch in der unausgesetzt sich wandelnden und verändernden Umgebung von Prenzlauer Berg.