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Plastik trifft Musik. Gemeinsamer Event von projekt:natur und raumimpuls

In: Der Ybbstaler 41/2005, 13.10. 2005, S.6.

Natur- und Kunsttöne: Ausstellung "forma corporis"
In: Der Ybbstaler 40/2005, 6.10. 2005, S.12

Wenzel, Käthe: Looking for "the missing link": Was passiert, wenn Kunst und Medizin aufeinander treffen?
In: Humboldt-Spektrum 2/2005, 12. Jahrgang. S. 52-53.

Zanchelli, Elena: Metamorphosen im Backofen: Zu Käthe Wenzels künstlerischer Praxis der Umordnungen - oder: Die besetzte Villa.
In: Käthe Wenzel: Hausbrot - Mutation der Schwartzschen Villa. Katalog zur Ausstellung. Berlin 2005, S.8-11.

Nessler, Susanne: Missing Link. Zwischen Kunst und Wissenschaft.
Deutschlandradio Kultur, 28. 07. 2005, 15:10.

Missing Link, wie schön sehen 182 Tage einer Labormaus aus?
In: berlin art info Nr.43 7/2005. S.26-27.

Mollenhauer, Katja: Neues Kinomodell auf dem Markt.
In: strassenfeger 9/2005. S.19.

Käthe Wenzels rätselhaftes Blechbüchsenkino.
In: Berliner Zeitung, 9./10. April 2005. S.34.

Mieland, Akeli: "Büchsenkinos"
Pressetext zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie kurt im hirsch.

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In: Der Ybbstaler 40/2005, 6.10. 2005, S.12

Natur- und Kunsttöne: Ausstellung "forma corporis"

(...) Zur Ausstellung "forma corporis" haben die beiden Kuratorinnen Sylvie Aigner und Theresia Hauenfels zehn Künstlerinnen eingeladen, skulpturale Objekte im Waidhofener Museum auszustellen: ANA, Ingrid Cerny, Canan Dagdelen, Constanze Ferdiny-Hoedemaker, Judith P. Fischer, Barbara Graf, Julie Hayward, Katharina Heinrich, Andrea Kalteis und Käthe Wenzel. Kennzeichnend für die gezeigten Arbeiten ist die Auseinandersetzung mit organischen Formen, dabei steht nicht die Nachbildung von Natur, sondern vielmehr strukturelle Fragen etwa der Anatomie oder der Oberflächenbeschaffenheit im Fokus der künstlerischen Auseinandersetzung. Hier schließt sich wiederum der Kreis zur Musik von Anton Webern, der sich auch mit der Struktur von Blättern beschäftigte: "Verdichtung des Ausdrucks in der kürzesten Form".

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In: Humboldt-Spektrum 2/2005, 12. Jahrgang, S. 52-53

Looking for "the missing link": Was passiert, wenn Kunst und Medizin aufeinander treffen?

Die Ausstellung "the missing link - public understanding of art and sciences" im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité zeigt Ergebnisse einer einjährigen Zusammenarbeit von Künstlern und Biomedizinern

von Käthe Wenzel

Warum wird ein tiefgefrorenes Kaninchen von Fachärzten untersucht und für tot erklärt? Warum gibt es Darstellungen des menschlichen Gehirns, die jede abstrakte Malerei blass werden lassen, und wieso freut sich ein Mediziner, wenn Besucher seine Kühlschränke durchstöbern? Sechs Biomediziner/innen verschiedener Fachbereiche der Charité treffen auf sechs Künstler/innen, die den Studiengang Kunst im Kontext an der UdK belegen. Was passiert da?

Initiiert durch Prof. Dr. Cornelius Frömmel von der Charité und Wolfgang Knapp vom Institut für Kunst im Kontext an der UdK, ist die Ausstellung "the missing link" das Ergebnis einer in Deutschland bisher einzigartigen Fachtagung, die im Sommer 2004 stattfand. Auf einem Landsitz in Brandenburg trafen sich Künstler/innen und Biomediziner/innen, um über ihre Arbeitsfelder und -methoden zu diskutieren. Gibt es eine Kooperationsbasis zwischen den Bereichen Kunst und Wissenschaft? Oder ist unsere Gesellschaft zu spezialisiert, um Gemeinsamkeiten zuzulassen? Unter welchen Legitimations- und Visualisierungszwänge stehen Wissenschaftler und Künstler heute?

Das Ergebnis dieser Diskussion ist unerwartet farbenprächtig. Strahlendrote Hirnschnitte, geheimnisvolle Kurven und Apparaturen, in Tetrapacks verpackte Muttermilch oder ein Kleid aus Entenknochen stehen neben lebensgroßen Körperporträts, computeranimierten Molekülmodellen oder dem Röntgenbild eines Kaninchens.
Es handelt sich um künstlerische Arbeiten, die zum Teil durch die Diskussion mit den Biomedizinern angeregt worden sind, sowie Abbildungen aus den Forschungsbereichen der beteiligten Biomediziner. Nicht bei jeder Arbeit ist es möglich, sie auf den ersten Blick dem einen oder anderen Bereich zuzuordnen. Dementsprechend spannend ist es, den unterschiedlichen Gebrauch von Bildmaterial in Kunst und Forschung zu beobachten: Während die Kunst der Gegenwart häufig darauf ausgerichtet ist, herrschende Meinungen und Verhältnisse in Frage zu stellen, verwendet die Medizin Bilder als Illustration oder sogar als Belege und Beweismittel. Besucher der Ausstellung sind eingeladen, wissenschaftliche und künstlerische Bilder auf ihren ästhetischen und dokumentarischen Aussagewert hin zu überprüfen. Welche Hypothesen werden mit welchen ästhetischen Programmen bearbeitet? Welche Bilder kann man in welchen wissenschaftlichen Systemen lesen?
Als Beweismittel eingesetzt, wird der künstlerische Reiz medizinischer Bilder oft ebenso übersehen wie die Tatsache, dass auch die scheinbar objektiven Darstellungen künstlich erzeugt sind. Auch wissenschaftliche Dokumente sind keine realistische Abbildungen, sondern Visualisierungen, die gestalterischen Entscheidungen unterliegen.

Künstler und Künstlerinnen ihrerseits haben sich schon länger mit dem Verhältnis von Kunst und Naturwissenschaften und mit dem Erkenntniswert von Kunst auseinandergesetzt. Zum Beispiel Frank Schäpel, der seine Modelle in fluchtpunktloser Malerei abbildet, Käthe Wenzel, die sich mit wissenschaftlicher Mimikry beschäftigt, oder Martin Juef, der in seinen Installationen naturwissenschaftliche Modelle und Methoden aufarbeitet. Gemeinsam mit Spenderinnen hat Lisa Glauer 100 fleischfarbene Milchtüten mit dem Schriftzug "mammamil - denn Stillen ist das Beste für Ihr Kind" mit Muttermilch gefüllt. Nicole Degenhardt zeigt Dokumentationen der Performance "werner", in deren Verlauf unter anderem ein gefrorenes Kaninchen aufgetaut, in die Notaufnahme eingeliefert, für tot erklärt und schließlich kremiert wurde.

Treffpunkt für Künstler/innen und Biomediziner ist das Berliner Medizinhistorische Museum (BMM) der Charité, das sich - angesiedelt im Grenzgebiet von Medizin, Geschichte und Kulturgeschichte - als idealer Ort für eine intensive Kommunikation zwischen Naturwissenschaft und Kunst erweist. Auf Fortsetzungen wird gehofft.

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In: Käthe Wenzel: Hausbrot - Mutation der Schwartzschen Villa. Katalog zur Ausstellung. Berlin 2005, S.8-11.

Metamorphosen im Backofen

Zu Käthe Wenzels künstlerischer Praxis der Umordnungen - oder: Die besetzte Villa

von Elena Zanichelli

Vor etwa eineinhalb Jahren besuchte ich Käthe Wenzel zu Hause. Wir waren zum nachmittäglichen Kaffeetrinken verabredet. Mit Neugier und dem überraschten Blick einer Spätvegetarierin erkannte ich, dass sie bis zu meiner Ankunft damit beschäftigt gewesen war, Entenknochen, die ein chinesisches Restaurant in Prenzlauer Berg für sie aufbewahrt hatte, zu kochen - nachdem sie sie sorgfältig gebürstet hatte. Dadurch hatten sie eine hellere Farbe angenommen. Nachher wurden sie mit roten Seidenfäden an horizontale Stoffbändchen genäht. Mittlerweile hängen die Knochen bis Ende dieses Sommers im Berliner Medizinhistorischen Museum der Charité - allerdings in der eleganten Form eines langen, körperbetonten Abendkleides mit oberem Korsett und Träger. Sie wurden zu einem Knochenkleid (2004) umfunktioniert. Einfacher war es, für die aus einer Aneinanderreihung von Kleidern anderer Sorte bestehende Installation Annäherungsversuche Material zu finden: Es handelt sich nämlich hierbei um selbstgeknotete Gerippe aus Paketschnur. Die an Rohr-Ringen verschiedener Formate fixierten Netz-Geflechte sind seriell gehängt und wirken somit umso dreidimensionaler, quasi wie eine skulpturale Antwort auf Körperfantasien aus den frühen Tagen der Computer-Animation. Aber darf man diese Skulpturen überhaupt Kleider nennen?

Die Werke von Käthe Wenzel entstehen aus einer Zweckentfremdung des Ausgangsmaterials. Dies geschieht einerseits durch die manuelle Bearbeitung der Gegenstände, andererseits auch durch eine radikale Kontextverschiebung. So etwa bei den von hinten mit Asphaltlack angestrichenen Glasplatten, die durch Pigmentbestreuung zu Schwarzen Spiegeln (2005) mutieren. Sie verlieren teilweise vollständig ihre Ausgangsfunktion als Reflexionsobjekte. Dennoch bleiben sie grundsätzlich als Spiegel erkennbar. Dies bringt die Assoziation einer Grenzüberschreitung des reflektierten Ichs mit sich, wie sie sich beispielsweise bei Lewis Carrols Through the Looking Glass oder Jean Cocteaus Orphée finden lässt. Diese Werke werden zusammen mit anderen Installationen, die speziell für diesen Anlass in direkter Konfrontation mit der Geschichte des 1895 als Sommersitz der Familie Schwartz gebauten Hauses konzipiert wurden, den zehnten Jahrestag des Einzugs des Steglitzer Kulturamtes feiern.

In der Serie Schwartzsche Villa erscheint das Haus in seinen von Wenzel mit der Hand skizzierten Umrissen auf belichtetem Fotopapier. Durch unterschiedlich starke Belichtungen offenbart die Villa immer neue Stimmungen: Wirkt sie manchmal wie ein düsteres Gespensterschloss, wie aus dem Film The Others, meint man ein anderes Mal einen venezianischen Palazzo im Regen erkennen zu können. Dies geschieht durch die zeichnerische Zweckentfremdung der sonst für das fotografische Verfahren schon im 19. Jahrhundert erfundenen Methode des Cliché Verre (Glasklischeedruck). Mit Hausbrot 1 (Schwartzsche Villa) werden die Konturen der Villa sogar zur Backform. Diese besteht aus Maschendraht, auf die der Teig aus Mehl und Wasser aufmodelliert wird. Im Backprozess (ver)formt sich der Teig jedes Mal auf eine andere nichtvorhersagbare Art und Weise. Die Änderungen, die die Villa im Laufe der Zeit sowohl im Hinblick auf architektonische Strukturen als auch in Bezug auf ihre verschiedenen Nutzungen erfahren bzw. erlitten hat (u.a. diente sie in der Nachkriegszeit als Lager einer Firma) werden so angedeutet.

Bereits in Werken wie Halber Ernst (Verletztes Brötchen) (2002) wurde ein Alltags- und Gebrauchsgut wie das Brot mit neuen Bedeutungen besetzt und quasi personifiziert. Der heimische Backofen Wenzels wird somit zur "Werkbank" der Künstlerin. Mit dieser neugefundenen künstlerischen Apparatur entstanden bereits Stillleben (2003), die zurzeit im Berliner Botanischen Museum zu sehen sind. Verweist das künstlerische Sujet des Stilllebens ohnehin auf die unvergängliche Ruhe lebloser Gegenstände, so ist der Prozess der Verkohlung im Backofen geradezu eine Antiklimax zu diesem Sujet. Die Karbonisierung bildet hier den äußersten Punkt der Konservierung - an der Schnittstelle zur totalen Vernichtung. In ihrer nicht unironischen Umsetzung ruft die Metamaterialität dieser Werke Marcel Duchamps (allerdings orangefarbene) Sculpture - Morte (1959) in Erinnerung. Auch Bodenbeete spielt mit karbonisierten Gegenständen: Pflanzen, die Wenzel auf Spaziergängen zusammenträgt, werden in verkohltem Zustand in Holzkästen gelegt - Arrangements, die an Grabbeete erinnern.

Die Vielfalt der Methoden der Materialbearbeitung nimmt bei Wenzel oftmals ihren Ausgangspunkt in der Zweckentfremdung von ephemerem Material. Dies erinnert an (natur)wissenschaftliche Verfahrensweisen der Präparation von Objekten, die dazu dienen, dem/r Betrachter/in einen Blick auf Dinge zu ermöglichen, die ansonsten dem Verfall preisgegeben wären. Spätestens seit dem iconic turn wird ohnehin nicht länger an einer strikten Unterscheidung zwischen technisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Bildern festgehalten. So unterscheiden sich die in einer Art tragbaren Setzkasten zur Schau gestellten Körperteile aus Wachs (z. B. Survival Kit für das nächste Jahrhundert, 1999) in der Art der Präsentation kaum von medizinischen Präparaten. Es kommt daher nicht von ungefähr, dass Wenzels Objekte in so unterschiedlichen Institutionen wie der Charité und dem Botanischen Museum sowie der Schwartz'schen Villa zu sehen sind.

Bedient sich die Künstlerin in diesem Sinne Modalitäten der musealen Archivierung, Inventarisierung und Konservierung, so kommentiert sie damit zugleich die Frage nach der Autorität bzw. Authentizität, die das Museum seinen Exponaten scheinbar per se verleiht. Andererseits gilt die Vorgehensweise Wenzels, Alltagsmaterialien zu verwenden, spätestens seit der Neoavantgarde als Mittel der Infragestellung des modernistischen Kanons. So verwendeten Künstler/innen der 1960er, z.B. die der sog. "Arte Povera" , Substanzen u. a. organischer und pflanzlicher Art. Insbesondere arrangierten die "Neuen Realisten" vorgefundene Alltagsgegenstände sowie Nahrungsmittel zu Installationen (so etwa Daniel Spoerris Tableaux-Pièges), die das Ziel hatten, "sich wieder in das Wirkliche zu integrieren." Doch anders als bei der Neoavantgarde verweisen Wenzels Werke nicht lediglich auf ihr materielles Dasein.

Die hier entstandenen Objekte sind Allegorien. Aus der Wechselwirkung von bereits symbolisch beladenen Materialien (Brot, Knochen, Pflanzen etc.) und dem jeweiligen Kontext, in den sie gestellt werden, entsteht ein für den/die Betrachter/in fast körperlich spürbares Spannungsfeld. Durch das allegorische Verfahren der Aneignung bereits vorhandener Bilder aus der Kunst- und Kulturgeschichte wird eben diese sowohl paraphrasiert als auch kritisch kommentiert. Bis sie endlich adäquate visuelle Parameter gefunden hat, verformt, kocht, näht und erfindet Wenzel, stets auf der Suche nach alternativen Verfahrensweisen. So freue ich mich immer, sie zum Kaffee zu besuchen, denn man weiß nie, welche Metamorphosen in ihren Backöfen, Kochtöpfen oder Kleiderschränken gerade vor sich gehen.

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Deutschlandradio Kultur, 28. 07. 2005, 15:10.

Missing Link

Zwischen Kunst und Wissenschaft.

von Susanne Nessler

Während sich Schriftsteller immer wieder mit wissenschaftlichen und medizinischen Themen auseinandersetzen, scheint es zwischen Kunst und Wissenschaft kaum Berührungspunkte zu geben. Das Projekt "missing link" will nun den Austausch intensivieren und zeigt, wie Künstler medizinische Themen in ihre Arbeit einbringen und wie Wissenschaftler künstlerisch tätig werden können. Knochen für Knochen reihen sich Flügel- und Schenkelstücke abgenagter Hähnchen zu einer Korsage. Ein Gerippe aus Stoff und tierischem Material. Ein Kleid aus Geflügelknochen. Daneben hängen riesige, tiefrot gefärbte Nervenzellen an der Wand, es folgen Aktportraits, bunte Computermodelle von Eiweißmolekülen. Ein paar Schritte weiter gibt es Muttermilch in Tetrapacks und die Häutung eines Kaninchens als Videoclip zu sehen.

Eine Ausstellung über, mit und um das Thema Körper. Das Resultat einer einjährigen Zusammenarbeit zwischen Biomedizinern und Künstlern. Organisiert von der Charité und der Universität der Künste in Berlin. Wolfgang Knapp:
"Die Frage war, welche Art von Blick die Biomedizin in der Forschung - gestützt durch Bild gebende Verfahren und technisches Gerät - hat. Und welchen Blick auf den Körper Künstler und Künstlerinnen haben."

Mediziner haben versucht ihre Arbeit künstlerisch zu betrachten und Künstler haben den Blickwinkel eines Arztes eingenommen. Ein gemeinsamer Versuch zu begreifen, was ein Bild vom Körper alles bedeuten kann. Ingo Bechmann, Arzt an der Charité hat zum Beispiel die riesigen roten Nervenzellen an die Wand gehängt. Er fand die Aufnahmen schon beim Betrachten durch das Mikroskop wunderschön. Aber erst die Zusammenarbeit mit einem der Künstler, der regelmäßig in seinen Anatomiekurs kam, führte dazu, dass Ingo Bechmann die winzig kleinen Nervenzellen auf eine zwei mal zwei Meter große Fläche drucken ließ.
Bechmann: "Bei uns ist das eine alltägliche Erfahrung, dass du irgendetwas gesehen hast unter dem Mikroskop und du guckst ein Jahr später drauf und siehst mehr oder etwas anderes, und du guckst zehn Jahre später drauf und siehst mehr und etwas anders und hast mehr verstanden, und das ist dann natürlich wunderbar, wenn man einen Maler hat, weil wir die Vorstellung haben, der kann doch bestimmt noch viel mehr gucken und der beweist das auch, denn wir versuchen auch zu zeichnen, aber so hätte ich das nie hingekriegt."

Früher vor 100 Jahren gehörte das Zusammentreffen von Arzt und Maler zum Programm der meisten Hochschulen. Mediziner brauchten Künstler, die ihnen exakte Bilder und Zeichnungen für ihre Lehrbücher lieferten und Künstler brauchten die Ärzte, damit sie ihnen einen Blick unter die Haut in den Aufbau des Körpers gewährten.
Heute operieren beiden Gruppen mit zahlreichen Bildern, unabhängig voneinander - und zwar immer detaillierte und spezifischer. Computertomographien, Endoskope und hoch auflösende Mikroskope liefern exakte Teilaufnahmen vom menschlichen Körper. Was dabei aber fehlt, ist quasi das Bild vom Menschen selbst, von seinem Körper als Gesamtheit, sagt Wolfgang Knapp vom Fachbereich Kunst im Kontext, der Berliner Universität der Künste:
"Und wenn man die Unterschiede und die Differenzen sichtbar macht, dann gibt man auch dem interessierten Laien die Möglichkeit, sich dieser Komplexität anzunähern und selber weiter zu fragen, ohne nach diesem schnellen Anwendungshungerprinzip zu reagieren, habe ich nicht verstanden kann nicht sein."

Überraschend für den Betrachter ist, dass die Ausstellungsobjekte der Künstler realer und begreifbarer erscheinen, als die Bilder aus der Forschung. Muttermilch in Tetrapacks stellt einen sehr viel deutlicheren und direkteren Bezug zum Thema Körper her, als es die wissenschaftliche Darstellung von Proteinmolekülen in einer Computeranimation schafft. Der Grund dafür ist, dass in der medizinischen Praxis einfach Vieles ausgeblendet wird, sagt der Künstler Frank Schäpel:
"Mir ist sehr stark aufgefallen, dass auf Funktionen sehr stark geguckt wurde, also wichtig waren eben die Dinge des Körpers, die eine Funktion hatten, die zu Muskelanspannung führen konnten und Körperteile bewegen konnten oder die eine Leitung waren. Und da gab es aber auch andere Sachen, die visuell genauso da waren, die aber weggenommen wurden, weil sie eben nicht diese Wichtigkeit hatten."

Der Arzt sucht nach der genaue Diagnose, der Künstler will ihre Auswirkung begreifen. In der Gegenüberstellung von Kunst und Medizin werden die unterschiedlichen Blickwinkel und Arbeitsweisen deutlich. Und ebenso die Gemeinsamkeiten. Denn beide Gruppen stehen immer wieder vor derselben Frage: Was sagt ein Bild über den Menschen?
Zwischen großen Kühlschränken mit Zellmaterial in Reagenzgläsern, quietschrosafarbenen Wachsreliefs, Hühnerknochen, roten Nervenzellen und Aktportraits findet man dazu viele Antworten und noch viel mehr Fragen.

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berlin art info Nr.43 07/2005. S.26-27.

Missing Link

Wie schön sehen 182 Tage einer Labormaus aus?

Ein Sommer, ein Landsitz in Brandenburg und eine Gruppe Künstler und Biomediziner. Ein experiment. "Gibt es eine Kooperationsbasis zwischen Kunst und Wissenschaft, oder ist unsere Gesellschaft zu spezialisiert, um Gemeinsamkeiten zuzulassen? Unterscheiden sich kreative Prozesse im künstlerischen und wissenschaftlichen Feld?" Dies sollte die Fachtagung, initiiert von Professor Cornelius Frömmel (Charité)und Wolfgang Knapp (UdK), beantworten. Entstanden ist die Ausstellung "missing link - public understanding of art and sciences", in der Malerei, Objekte, Installationen und Videos der Künstler den Forschungsbeispielen und Arbeitsproben der Mediziner gegenüberstehen. Beide Fraktionen betreiben ein Spiel mit Ambivalenzen, zeigen Gewohntes in ungewohnter Weise und umgekehrt.

Besonders reizvoll wird diese Konfrontation, wenn sich die Exponate nicht sofort und eindeutig einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Herkunft zuordnen lassen. So sieht z.B. der 182 Tage lang von Achim Kramer aufgezeichnete traurig-gleichförmige Rhythmus einer armen Labormaus als Grafik dargestellt geradezu interessant aus. Die Geopoesie von Martin Juef hat auf den ersten Blick etwas von einer Seite eines Erdkunde-Schulbuchs. Erstaunlich ist immer wieder, wie gering der Unterschied zwischen sichtbar gemachten Vorgängen in der Natur und künstlerischen Arbeiten sein kann, z.B. der fakt, dass diese Unterschiede zuweieln gar nicht existieren. Wie kann man sich z.B. eine "Entorhino-hippocampale Projektion einer Ratte visualisiert durch stereotaktische Injektion eines axonal transportierten Fluoreszenzfarbstoffes" 200fach vergrößert vorstellen? Die Antwort: groß, rot, abstrakt und wunderschön.

Anderes sieht zugegebenermaßen so langweilig aus, wie es trocken klingt. Hinter "Pex19-Bindestellen in den peroxisomalen Membranproteinen..." verbergen sich altbekannte und eher unspannende Diagramme. Blickfang im Raum sind ohne Zweifel die liegenden Menschen, die Frank Schäpel in fluchtpunktloser Perspektive und lebensgroß auf weißes Holz gemalt hat. So genau und lebendig, dass man meint, ihr Atmen und Augenblinzeln hören zu können. Andreas Wendts 9-teilige Aquarellserie "Aktion Vril", inspiriert von Thor Kunkels Buch "Endstufe", erfordert hingegen etwas genauere Betrachtung für die Feinheiten im Bild und den Hintersinn seiner Arbeit: "Die Absurdität des menschlichen Tuns bildet in diesem Fall eine ästhetische Schablone für das emblematische Scheitern einer Idee."

Wer schließlich bei Tara Parsons "Dental Records" - einer Installation aus Zahnseidebehältern, aus denen sich Röntgenfotos von Zähnen in dünnen Streifen herauswinden - mehr Lust auf Röntgenfotos bekommen hat, kann sich einen Stockwerk tiefer Torsten Seidels ins Überdimensionale vergrößerte Röntgenporträts von den Schädeln sowjetischer Soldaten ansehen. Für ein bisschen Gruseln im Bauch.

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strassenfeger, 09/2005. S.19.

Neues Kinomodell auf dem Markt

Kleine Galerie zeigt sehenswerte Ausstellung von Käthe Wenzel

von Katja Mollenhauer

Ich hab ja schon von einigen Kinoformen gehört, aber das Büchsenkino ist mir gänzlich neu. Pornokino, Daumenkino, Schachtelkino, und jetzt die Büchse. Was dahinter steckt, habe ich in der Prenzelberger Galerie kurt im hirsch in der Kastanienallee 12 erfahren. In drei kleinen Ausstellungsräumen, die sich im zweiten Hinterhof verstecken, präsentiert die junge Berliner Künstlerin Käthe Wenzel gleich sechs Lichtspieltheater in Alu-Zylindern. Es hängen immer zwei nebeneinander. Das hat einen Sinn, der sich mir erst nach einigen Minuten erschloss. Zudem ändern sich die Konturen der Bilder, die man in den Büchsen sieht, je nach dem, wie weit man sich von ihnen entfernt.

Es gab aber noch viel mehr zu entdecken. Die originellen Kinos sind nur ein Teil der Ausstellung. Man findet auch vielfarbige Gemälde, die nur aus Wachs bestehen, oder eine pflanzliche Zwischendecke ganz aus Efeu, wo man sich schon vorstellen kann, was für eine wunderbare Dschungelatmosphäre die ins eigene Wohnzimmer zaubern kann.

Dem Büchsenkino ganz ähnlich sind aktenordnergroße Guckästen mit Kurbelbetrieb, in denen Daumenkinos bei fachgerechter Drehung sichtbar werden. Sie symbolisierten für mich den Einblick in kleine Geheimnisse, in einer Zeit, in der alles ins Öffentliche gezerrt wird. Vielleicht ist das nur meine Betrachtungsweise, und die Künstlerin will etwas ganz anderes damit aussagen, aber das macht Kunst ja so spannend. Jeder kann seine eigene Symbolik in den Kunstwerken entdecken.

Der Besuch in der Ausstellung hat schon dadurch Spaß gemacht, dass man fast alles anfassen konnte. Die Exponate lassen sich besser sinnlich erfassen, weil man ihnen beispielsweise auf den Zentimeter nahe kommen oder gar berühren kann, ohne dass eine Sirene oder ein Wachmann Alarm schlägt. Auch die Galeristin hatte immer ein offenes Ohr für meine Fragen. Schade nur, dass der Ausstellungsort - die Galerie kurt im hirsch -, obwohl kein Unbekannter in der Kunstszene, so unscheinbar ist. Da die Vorderhäuser in der Kastanienallee schon allerlei interessante Läden bereithalten, nimmt man die kleinen Hinweisschilder auf interessante Läden in den Hinterhöfen kaum wahr. Vielleicht hilft dieser Artikel ja, das Auge des Kastanienalleeläufers neu zu schärfen.

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Berliner Zeitung, 9./10. April 2005. S.34.

Käthe Wenzels rätselhaftes Blechbüchsenkino


Kleine Galerie zeigt sehenswerte Ausstellung von Käthe Wenzel

Ich hab ja schon von einigen Kinoformen gehört, aber das Büchsenkino ist mir gänzlich neu. Schachtelkino, Pornokino, Daumenkino, und jetzt die Büchse

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Büchsenkinos

Pressetext zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie kurt im hirsch


von Akeli Mieland

Käthe Wenzel hat mal wieder eingebüchst: Haare, Kirchen und kulturelle Identitäten. Treten sie ein in Hallen installativer Erfahrung, kurbeln sie sich ihre Ansicht und bilden sie einen Funktionsrahmen. Gehäkelt werden darf nicht, jedenfalls nicht vor Ort. In der Nachlese mag manch Nutzvolles im Geflecht der Erinnerungen hängenbleiben - dagegen ist nichts einzuwenden. Wie immer regen Käthes Werke zu spontanen Gedanken-Assoziationen an. Sie fördern die Lust am Hinschauen, Anfassen, Fühlen, in sich aufnehmen. Der theoretische Hinterbau wird erst nach der Verdauung des Wahrgenommenen offensichtlich.

Zur Installation "Haarchitektur" gehört neben den "Büchsenkinos" und den Fotoplatten weiterhin eine Kathedrale aus Haar, ein Haarzelt für die religionslose Jetztzeit. Schützendes, Abschließendes, Getürmtes, Intimes. Der Raum ist ständiger Wandlung unterworfen, ob in der Architektur oder am eigenen Körper. Auch die "Expedtition ins Landesinnere" hat ihre Spuren hinterlassen. Vorstellungen, Ideen, Gebäude: sie ändern sich schleichend, werden übertüncht, überdauern, werden wiederaufgenommen, bewahrt, zitiert, oder nur unklar erinnert. Wir wechseln unsere Hüllen, unsere Identitäten, und wenn es gar nicht mehr weitergeht, legen wir uns ins Laub und vergessen uns dort. Im Siebenschläfer-Schlaf.

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