Plastik trifft Musik. Gemeinsamer Event von projekt:natur
und raumimpuls
In: Der Ybbstaler 41/2005, 13.10. 2005, S.6.
Natur- und Kunsttöne: Ausstellung "forma
corporis"
In: Der Ybbstaler 40/2005, 6.10. 2005, S.12
Wenzel, Käthe: Looking for "the
missing link": Was passiert, wenn Kunst und Medizin aufeinander treffen?
In: Humboldt-Spektrum 2/2005, 12. Jahrgang. S. 52-53.
Zanchelli, Elena: Metamorphosen im
Backofen: Zu Käthe Wenzels künstlerischer Praxis der Umordnungen - oder:
Die besetzte Villa.
In: Käthe Wenzel: Hausbrot - Mutation der Schwartzschen Villa. Katalog zur
Ausstellung. Berlin 2005, S.8-11.
Nessler, Susanne: Missing Link.
Zwischen Kunst und Wissenschaft.
Deutschlandradio Kultur, 28. 07. 2005, 15:10.
Missing Link, wie schön sehen
182 Tage einer Labormaus aus?
In: berlin art info Nr.43 7/2005. S.26-27.
Mollenhauer, Katja: Neues Kinomodell
auf dem Markt.
In: strassenfeger 9/2005. S.19.
Käthe Wenzels rätselhaftes Blechbüchsenkino.
In: Berliner Zeitung, 9./10. April 2005. S.34.
Mieland, Akeli: "Büchsenkinos"
Pressetext zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie kurt im hirsch.
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In: Der Ybbstaler 40/2005, 6.10. 2005, S.12
Natur- und Kunsttöne: Ausstellung "forma corporis"
(...) Zur
Ausstellung "forma corporis" haben die beiden Kuratorinnen Sylvie Aigner
und Theresia Hauenfels zehn Künstlerinnen eingeladen, skulpturale Objekte
im Waidhofener Museum auszustellen: ANA, Ingrid Cerny, Canan Dagdelen,
Constanze Ferdiny-Hoedemaker, Judith P. Fischer, Barbara Graf, Julie Hayward,
Katharina Heinrich, Andrea Kalteis und Käthe Wenzel. Kennzeichnend für
die gezeigten Arbeiten ist die Auseinandersetzung mit organischen Formen,
dabei steht nicht die Nachbildung von Natur, sondern vielmehr strukturelle
Fragen etwa der Anatomie oder der Oberflächenbeschaffenheit im Fokus der
künstlerischen Auseinandersetzung. Hier schließt sich wiederum der Kreis
zur Musik von Anton Webern, der sich auch mit der Struktur von Blättern
beschäftigte: "Verdichtung des Ausdrucks in der kürzesten Form".
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In: Humboldt-Spektrum 2/2005, 12. Jahrgang, S. 52-53
Looking for "the missing link": Was passiert, wenn
Kunst und Medizin aufeinander treffen?
Die Ausstellung
"the missing link - public understanding of art and sciences" im Berliner
Medizinhistorischen Museum der Charité zeigt Ergebnisse einer einjährigen
Zusammenarbeit von Künstlern und Biomedizinern
von Käthe Wenzel
Warum wird ein tiefgefrorenes Kaninchen von
Fachärzten untersucht und für tot erklärt? Warum gibt es Darstellungen
des menschlichen Gehirns, die jede abstrakte Malerei blass werden lassen,
und wieso freut sich ein Mediziner, wenn Besucher seine Kühlschränke durchstöbern?
Sechs Biomediziner/innen verschiedener Fachbereiche der Charité treffen
auf sechs Künstler/innen, die den Studiengang Kunst im Kontext an der
UdK belegen. Was passiert da?
Initiiert durch Prof. Dr. Cornelius Frömmel von der Charité und Wolfgang
Knapp vom Institut für Kunst im Kontext an der UdK, ist die Ausstellung
"the missing link" das Ergebnis einer in Deutschland bisher einzigartigen
Fachtagung, die im Sommer 2004 stattfand. Auf einem Landsitz in Brandenburg
trafen sich Künstler/innen und Biomediziner/innen, um über ihre Arbeitsfelder
und -methoden zu diskutieren. Gibt es eine Kooperationsbasis zwischen
den Bereichen Kunst und Wissenschaft? Oder ist unsere Gesellschaft zu
spezialisiert, um Gemeinsamkeiten zuzulassen? Unter welchen Legitimations-
und Visualisierungszwänge stehen Wissenschaftler und Künstler heute?
Das Ergebnis dieser Diskussion ist unerwartet farbenprächtig. Strahlendrote
Hirnschnitte, geheimnisvolle Kurven und Apparaturen, in Tetrapacks verpackte
Muttermilch oder ein Kleid aus Entenknochen stehen neben lebensgroßen
Körperporträts, computeranimierten Molekülmodellen oder dem Röntgenbild
eines Kaninchens.
Es handelt sich um künstlerische Arbeiten, die zum Teil durch die Diskussion
mit den Biomedizinern angeregt worden sind, sowie Abbildungen aus den
Forschungsbereichen der beteiligten Biomediziner. Nicht bei jeder Arbeit
ist es möglich, sie auf den ersten Blick dem einen oder anderen Bereich
zuzuordnen. Dementsprechend spannend ist es, den unterschiedlichen Gebrauch
von Bildmaterial in Kunst und Forschung zu beobachten: Während die Kunst
der Gegenwart häufig darauf ausgerichtet ist, herrschende Meinungen und
Verhältnisse in Frage zu stellen, verwendet die Medizin Bilder als Illustration
oder sogar als Belege und Beweismittel. Besucher der Ausstellung sind
eingeladen, wissenschaftliche und künstlerische Bilder auf ihren ästhetischen
und dokumentarischen Aussagewert hin zu überprüfen. Welche Hypothesen
werden mit welchen ästhetischen Programmen bearbeitet? Welche Bilder kann
man in welchen wissenschaftlichen Systemen lesen?
Als Beweismittel eingesetzt, wird der künstlerische Reiz medizinischer
Bilder oft ebenso übersehen wie die Tatsache, dass auch die scheinbar
objektiven Darstellungen künstlich erzeugt sind. Auch wissenschaftliche
Dokumente sind keine realistische Abbildungen, sondern Visualisierungen,
die gestalterischen Entscheidungen unterliegen.
Künstler und Künstlerinnen ihrerseits haben sich schon länger mit dem
Verhältnis von Kunst und Naturwissenschaften und mit dem Erkenntniswert
von Kunst auseinandergesetzt. Zum Beispiel Frank Schäpel, der seine Modelle
in fluchtpunktloser Malerei abbildet, Käthe Wenzel, die sich mit wissenschaftlicher
Mimikry beschäftigt, oder Martin Juef, der in seinen Installationen naturwissenschaftliche
Modelle und Methoden aufarbeitet. Gemeinsam mit Spenderinnen hat Lisa
Glauer 100 fleischfarbene Milchtüten mit dem Schriftzug "mammamil - denn
Stillen ist das Beste für Ihr Kind" mit Muttermilch gefüllt. Nicole Degenhardt
zeigt Dokumentationen der Performance "werner", in deren Verlauf unter
anderem ein gefrorenes Kaninchen aufgetaut, in die Notaufnahme eingeliefert,
für tot erklärt und schließlich kremiert wurde.
Treffpunkt für Künstler/innen und Biomediziner ist das Berliner Medizinhistorische
Museum (BMM) der Charité, das sich - angesiedelt im Grenzgebiet von Medizin,
Geschichte und Kulturgeschichte - als idealer Ort für eine intensive Kommunikation
zwischen Naturwissenschaft und Kunst erweist. Auf Fortsetzungen wird gehofft.
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In: Käthe Wenzel: Hausbrot - Mutation der Schwartzschen
Villa. Katalog zur Ausstellung. Berlin 2005, S.8-11.
Metamorphosen im Backofen
Zu Käthe Wenzels
künstlerischer Praxis der Umordnungen - oder: Die besetzte Villa
von Elena Zanichelli
Vor etwa eineinhalb Jahren besuchte ich Käthe
Wenzel zu Hause. Wir waren zum nachmittäglichen Kaffeetrinken verabredet.
Mit Neugier und dem überraschten Blick einer Spätvegetarierin erkannte
ich, dass sie bis zu meiner Ankunft damit beschäftigt gewesen war, Entenknochen,
die ein chinesisches Restaurant in Prenzlauer Berg für sie aufbewahrt
hatte, zu kochen - nachdem sie sie sorgfältig gebürstet hatte. Dadurch
hatten sie eine hellere Farbe angenommen. Nachher wurden sie mit roten
Seidenfäden an horizontale Stoffbändchen genäht. Mittlerweile hängen die
Knochen bis Ende dieses Sommers im Berliner Medizinhistorischen Museum
der Charité - allerdings in der eleganten Form eines langen, körperbetonten
Abendkleides mit oberem Korsett und Träger. Sie wurden zu einem Knochenkleid
(2004) umfunktioniert. Einfacher war es, für die aus einer Aneinanderreihung
von Kleidern anderer Sorte bestehende Installation Annäherungsversuche
Material zu finden: Es handelt sich nämlich hierbei um selbstgeknotete
Gerippe aus Paketschnur. Die an Rohr-Ringen verschiedener Formate fixierten
Netz-Geflechte sind seriell gehängt und wirken somit umso dreidimensionaler,
quasi wie eine skulpturale Antwort auf Körperfantasien aus den frühen
Tagen der Computer-Animation. Aber darf man diese Skulpturen überhaupt
Kleider nennen?
Die Werke von Käthe Wenzel entstehen aus einer Zweckentfremdung des Ausgangsmaterials.
Dies geschieht einerseits durch die manuelle Bearbeitung der Gegenstände,
andererseits auch durch eine radikale Kontextverschiebung. So etwa bei
den von hinten mit Asphaltlack angestrichenen Glasplatten, die durch Pigmentbestreuung
zu Schwarzen Spiegeln (2005) mutieren. Sie verlieren teilweise vollständig
ihre Ausgangsfunktion als Reflexionsobjekte. Dennoch bleiben sie grundsätzlich
als Spiegel erkennbar. Dies bringt die Assoziation einer Grenzüberschreitung
des reflektierten Ichs mit sich, wie sie sich beispielsweise bei Lewis
Carrols Through the Looking Glass oder Jean Cocteaus Orphée finden lässt.
Diese Werke werden zusammen mit anderen Installationen, die speziell für
diesen Anlass in direkter Konfrontation mit der Geschichte des 1895 als
Sommersitz der Familie Schwartz gebauten Hauses konzipiert wurden, den
zehnten Jahrestag des Einzugs des Steglitzer Kulturamtes feiern.
In der Serie Schwartzsche Villa erscheint das Haus in seinen von Wenzel
mit der Hand skizzierten Umrissen auf belichtetem Fotopapier. Durch unterschiedlich
starke Belichtungen offenbart die Villa immer neue Stimmungen: Wirkt sie
manchmal wie ein düsteres Gespensterschloss, wie aus dem Film The Others,
meint man ein anderes Mal einen venezianischen Palazzo im Regen erkennen
zu können. Dies geschieht durch die zeichnerische Zweckentfremdung der
sonst für das fotografische Verfahren schon im 19. Jahrhundert erfundenen
Methode des Cliché Verre (Glasklischeedruck). Mit Hausbrot 1 (Schwartzsche
Villa) werden die Konturen der Villa sogar zur Backform. Diese besteht
aus Maschendraht, auf die der Teig aus Mehl und Wasser aufmodelliert wird.
Im Backprozess (ver)formt sich der Teig jedes Mal auf eine andere nichtvorhersagbare
Art und Weise. Die Änderungen, die die Villa im Laufe der Zeit sowohl
im Hinblick auf architektonische Strukturen als auch in Bezug auf ihre
verschiedenen Nutzungen erfahren bzw. erlitten hat (u.a. diente sie in
der Nachkriegszeit als Lager einer Firma) werden so angedeutet.
Bereits in Werken wie Halber Ernst (Verletztes Brötchen) (2002) wurde
ein Alltags- und Gebrauchsgut wie das Brot mit neuen Bedeutungen besetzt
und quasi personifiziert. Der heimische Backofen Wenzels wird somit zur
"Werkbank" der Künstlerin. Mit dieser neugefundenen künstlerischen Apparatur
entstanden bereits Stillleben (2003), die zurzeit im Berliner Botanischen
Museum zu sehen sind. Verweist das künstlerische Sujet des Stilllebens
ohnehin auf die unvergängliche Ruhe lebloser Gegenstände, so ist der Prozess
der Verkohlung im Backofen geradezu eine Antiklimax zu diesem Sujet. Die
Karbonisierung bildet hier den äußersten Punkt der Konservierung - an
der Schnittstelle zur totalen Vernichtung. In ihrer nicht unironischen
Umsetzung ruft die Metamaterialität dieser Werke Marcel Duchamps (allerdings
orangefarbene) Sculpture - Morte (1959) in Erinnerung. Auch Bodenbeete
spielt mit karbonisierten Gegenständen: Pflanzen, die Wenzel auf Spaziergängen
zusammenträgt, werden in verkohltem Zustand in Holzkästen gelegt - Arrangements,
die an Grabbeete erinnern.
Die Vielfalt der Methoden der Materialbearbeitung nimmt bei Wenzel oftmals
ihren Ausgangspunkt in der Zweckentfremdung von ephemerem Material. Dies
erinnert an (natur)wissenschaftliche Verfahrensweisen der Präparation
von Objekten, die dazu dienen, dem/r Betrachter/in einen Blick auf Dinge
zu ermöglichen, die ansonsten dem Verfall preisgegeben wären. Spätestens
seit dem iconic turn wird ohnehin nicht länger an einer strikten Unterscheidung
zwischen technisch-wissenschaftlichen und künstlerischen Bildern festgehalten.
So unterscheiden sich die in einer Art tragbaren Setzkasten zur Schau
gestellten Körperteile aus Wachs (z. B. Survival Kit für das nächste Jahrhundert,
1999) in der Art der Präsentation kaum von medizinischen Präparaten. Es
kommt daher nicht von ungefähr, dass Wenzels Objekte in so unterschiedlichen
Institutionen wie der Charité und dem Botanischen Museum sowie der Schwartz'schen
Villa zu sehen sind.
Bedient sich die Künstlerin in diesem Sinne Modalitäten der musealen Archivierung,
Inventarisierung und Konservierung, so kommentiert sie damit zugleich
die Frage nach der Autorität bzw. Authentizität, die das Museum seinen
Exponaten scheinbar per se verleiht. Andererseits gilt die Vorgehensweise
Wenzels, Alltagsmaterialien zu verwenden, spätestens seit der Neoavantgarde
als Mittel der Infragestellung des modernistischen Kanons. So verwendeten
Künstler/innen der 1960er, z.B. die der sog. "Arte Povera" , Substanzen
u. a. organischer und pflanzlicher Art. Insbesondere arrangierten die
"Neuen Realisten" vorgefundene Alltagsgegenstände sowie Nahrungsmittel
zu Installationen (so etwa Daniel Spoerris Tableaux-Pièges), die das Ziel
hatten, "sich wieder in das Wirkliche zu integrieren." Doch anders als
bei der Neoavantgarde verweisen Wenzels Werke nicht lediglich auf ihr
materielles Dasein.
Die hier entstandenen Objekte sind Allegorien. Aus der Wechselwirkung
von bereits symbolisch beladenen Materialien (Brot, Knochen, Pflanzen
etc.) und dem jeweiligen Kontext, in den sie gestellt werden, entsteht
ein für den/die Betrachter/in fast körperlich spürbares Spannungsfeld.
Durch das allegorische Verfahren der Aneignung bereits vorhandener Bilder
aus der Kunst- und Kulturgeschichte wird eben diese sowohl paraphrasiert
als auch kritisch kommentiert. Bis sie endlich adäquate visuelle Parameter
gefunden hat, verformt, kocht, näht und erfindet Wenzel, stets auf der
Suche nach alternativen Verfahrensweisen. So freue ich mich immer, sie
zum Kaffee zu besuchen, denn man weiß nie, welche Metamorphosen in ihren
Backöfen, Kochtöpfen oder Kleiderschränken gerade vor sich gehen.
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Deutschlandradio Kultur, 28. 07. 2005, 15:10.
Missing Link
Zwischen Kunst
und Wissenschaft.
von Susanne Nessler
Während sich Schriftsteller immer wieder
mit wissenschaftlichen und medizinischen Themen auseinandersetzen, scheint
es zwischen Kunst und Wissenschaft kaum Berührungspunkte zu geben. Das
Projekt "missing link" will nun den Austausch intensivieren und zeigt,
wie Künstler medizinische Themen in ihre Arbeit einbringen und wie Wissenschaftler
künstlerisch tätig werden können. Knochen für Knochen reihen sich Flügel-
und Schenkelstücke abgenagter Hähnchen zu einer Korsage. Ein Gerippe aus
Stoff und tierischem Material. Ein Kleid aus Geflügelknochen. Daneben
hängen riesige, tiefrot gefärbte Nervenzellen an der Wand, es folgen Aktportraits,
bunte Computermodelle von Eiweißmolekülen. Ein paar Schritte weiter gibt
es Muttermilch in Tetrapacks und die Häutung eines Kaninchens als Videoclip
zu sehen.
Eine Ausstellung über, mit und um das Thema Körper. Das Resultat einer
einjährigen Zusammenarbeit zwischen Biomedizinern und Künstlern. Organisiert
von der Charité und der Universität der Künste in Berlin. Wolfgang Knapp:
"Die Frage war, welche Art von Blick die Biomedizin in der Forschung -
gestützt durch Bild gebende Verfahren und technisches Gerät - hat. Und
welchen Blick auf den Körper Künstler und Künstlerinnen haben."
Mediziner haben versucht ihre Arbeit künstlerisch zu betrachten und Künstler
haben den Blickwinkel eines Arztes eingenommen. Ein gemeinsamer Versuch
zu begreifen, was ein Bild vom Körper alles bedeuten kann. Ingo Bechmann,
Arzt an der Charité hat zum Beispiel die riesigen roten Nervenzellen an
die Wand gehängt. Er fand die Aufnahmen schon beim Betrachten durch das
Mikroskop wunderschön. Aber erst die Zusammenarbeit mit einem der Künstler,
der regelmäßig in seinen Anatomiekurs kam, führte dazu, dass Ingo Bechmann
die winzig kleinen Nervenzellen auf eine zwei mal zwei Meter große Fläche
drucken ließ.
Bechmann: "Bei uns ist das eine alltägliche Erfahrung, dass du irgendetwas
gesehen hast unter dem Mikroskop und du guckst ein Jahr später drauf und
siehst mehr oder etwas anderes, und du guckst zehn Jahre später drauf
und siehst mehr und etwas anders und hast mehr verstanden, und das ist
dann natürlich wunderbar, wenn man einen Maler hat, weil wir die Vorstellung
haben, der kann doch bestimmt noch viel mehr gucken und der beweist das
auch, denn wir versuchen auch zu zeichnen, aber so hätte ich das nie hingekriegt."
Früher vor 100 Jahren gehörte das Zusammentreffen von Arzt und Maler zum
Programm der meisten Hochschulen. Mediziner brauchten Künstler, die ihnen
exakte Bilder und Zeichnungen für ihre Lehrbücher lieferten und Künstler
brauchten die Ärzte, damit sie ihnen einen Blick unter die Haut in den
Aufbau des Körpers gewährten.
Heute operieren beiden Gruppen mit zahlreichen Bildern, unabhängig voneinander
- und zwar immer detaillierte und spezifischer. Computertomographien,
Endoskope und hoch auflösende Mikroskope liefern exakte Teilaufnahmen
vom menschlichen Körper. Was dabei aber fehlt, ist quasi das Bild vom
Menschen selbst, von seinem Körper als Gesamtheit, sagt Wolfgang Knapp
vom Fachbereich Kunst im Kontext, der Berliner Universität der Künste:
"Und wenn man die Unterschiede und die Differenzen sichtbar macht, dann
gibt man auch dem interessierten Laien die Möglichkeit, sich dieser Komplexität
anzunähern und selber weiter zu fragen, ohne nach diesem schnellen Anwendungshungerprinzip
zu reagieren, habe ich nicht verstanden kann nicht sein."
Überraschend für den Betrachter ist, dass die Ausstellungsobjekte der
Künstler realer und begreifbarer erscheinen, als die Bilder aus der Forschung.
Muttermilch in Tetrapacks stellt einen sehr viel deutlicheren und direkteren
Bezug zum Thema Körper her, als es die wissenschaftliche Darstellung von
Proteinmolekülen in einer Computeranimation schafft. Der Grund dafür ist,
dass in der medizinischen Praxis einfach Vieles ausgeblendet wird, sagt
der Künstler Frank Schäpel:
"Mir ist sehr stark aufgefallen, dass auf Funktionen sehr stark geguckt
wurde, also wichtig waren eben die Dinge des Körpers, die eine Funktion
hatten, die zu Muskelanspannung führen konnten und Körperteile bewegen
konnten oder die eine Leitung waren. Und da gab es aber auch andere Sachen,
die visuell genauso da waren, die aber weggenommen wurden, weil sie eben
nicht diese Wichtigkeit hatten."
Der Arzt sucht nach der genaue Diagnose, der Künstler will ihre Auswirkung
begreifen. In der Gegenüberstellung von Kunst und Medizin werden die unterschiedlichen
Blickwinkel und Arbeitsweisen deutlich. Und ebenso die Gemeinsamkeiten.
Denn beide Gruppen stehen immer wieder vor derselben Frage: Was sagt ein
Bild über den Menschen?
Zwischen großen Kühlschränken mit Zellmaterial in Reagenzgläsern, quietschrosafarbenen
Wachsreliefs, Hühnerknochen, roten Nervenzellen und Aktportraits findet
man dazu viele Antworten und noch viel mehr Fragen.
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berlin art info Nr.43 07/2005. S.26-27.
Missing Link
Wie schön sehen 182 Tage einer Labormaus
aus?
Ein Sommer, ein Landsitz in Brandenburg
und eine Gruppe Künstler und Biomediziner. Ein experiment. "Gibt es eine
Kooperationsbasis zwischen Kunst und Wissenschaft, oder ist unsere Gesellschaft
zu spezialisiert, um Gemeinsamkeiten zuzulassen? Unterscheiden sich kreative
Prozesse im künstlerischen und wissenschaftlichen Feld?" Dies sollte die
Fachtagung, initiiert von Professor Cornelius Frömmel (Charité)und Wolfgang
Knapp (UdK), beantworten. Entstanden ist die Ausstellung "missing link
- public understanding of art and sciences", in der Malerei, Objekte,
Installationen und Videos der Künstler den Forschungsbeispielen und Arbeitsproben
der Mediziner gegenüberstehen. Beide Fraktionen betreiben ein Spiel mit
Ambivalenzen, zeigen Gewohntes in ungewohnter Weise und umgekehrt.
Besonders reizvoll wird diese Konfrontation, wenn sich die Exponate nicht
sofort und eindeutig einer wissenschaftlichen oder künstlerischen Herkunft
zuordnen lassen. So sieht z.B. der 182 Tage lang von Achim Kramer aufgezeichnete
traurig-gleichförmige Rhythmus einer armen Labormaus als Grafik dargestellt
geradezu interessant aus. Die Geopoesie von Martin Juef hat auf den ersten
Blick etwas von einer Seite eines Erdkunde-Schulbuchs. Erstaunlich ist
immer wieder, wie gering der Unterschied zwischen sichtbar gemachten Vorgängen
in der Natur und künstlerischen Arbeiten sein kann, z.B. der fakt, dass
diese Unterschiede zuweieln gar nicht existieren. Wie kann man sich z.B.
eine "Entorhino-hippocampale Projektion einer Ratte visualisiert durch
stereotaktische Injektion eines axonal transportierten Fluoreszenzfarbstoffes"
200fach vergrößert vorstellen? Die Antwort: groß, rot, abstrakt und wunderschön.
Anderes sieht zugegebenermaßen so langweilig aus, wie es trocken klingt.
Hinter "Pex19-Bindestellen in den peroxisomalen Membranproteinen..." verbergen
sich altbekannte und eher unspannende Diagramme. Blickfang im Raum sind
ohne Zweifel die liegenden Menschen, die Frank Schäpel in fluchtpunktloser
Perspektive und lebensgroß auf weißes Holz gemalt hat. So genau und lebendig,
dass man meint, ihr Atmen und Augenblinzeln hören zu können. Andreas Wendts
9-teilige Aquarellserie "Aktion Vril", inspiriert von Thor Kunkels Buch
"Endstufe", erfordert hingegen etwas genauere Betrachtung für die Feinheiten
im Bild und den Hintersinn seiner Arbeit: "Die Absurdität des menschlichen
Tuns bildet in diesem Fall eine ästhetische Schablone für das emblematische
Scheitern einer Idee."
Wer schließlich bei Tara Parsons "Dental Records" - einer Installation
aus Zahnseidebehältern, aus denen sich Röntgenfotos von Zähnen in dünnen
Streifen herauswinden - mehr Lust auf Röntgenfotos bekommen hat, kann
sich einen Stockwerk tiefer Torsten Seidels ins Überdimensionale vergrößerte
Röntgenporträts von den Schädeln sowjetischer Soldaten ansehen. Für ein
bisschen Gruseln im Bauch.
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strassenfeger, 09/2005. S.19.
Neues Kinomodell auf dem Markt
Kleine Galerie
zeigt sehenswerte Ausstellung von Käthe Wenzel
von Katja Mollenhauer
Ich hab ja schon von einigen Kinoformen
gehört, aber das Büchsenkino ist mir gänzlich neu. Pornokino, Daumenkino,
Schachtelkino, und jetzt die Büchse. Was dahinter steckt, habe ich in
der Prenzelberger Galerie kurt im hirsch in der Kastanienallee 12 erfahren.
In drei kleinen Ausstellungsräumen, die sich im zweiten Hinterhof verstecken,
präsentiert die junge Berliner Künstlerin Käthe Wenzel gleich sechs Lichtspieltheater
in Alu-Zylindern. Es hängen immer zwei nebeneinander. Das hat einen Sinn,
der sich mir erst nach einigen Minuten erschloss. Zudem ändern sich die
Konturen der Bilder, die man in den Büchsen sieht, je nach dem, wie weit
man sich von ihnen entfernt.
Es gab aber noch viel mehr zu entdecken. Die originellen Kinos sind nur
ein Teil der Ausstellung. Man findet auch vielfarbige Gemälde, die nur
aus Wachs bestehen, oder eine pflanzliche Zwischendecke ganz aus Efeu,
wo man sich schon vorstellen kann, was für eine wunderbare Dschungelatmosphäre
die ins eigene Wohnzimmer zaubern kann.
Dem Büchsenkino ganz ähnlich sind aktenordnergroße Guckästen mit Kurbelbetrieb,
in denen Daumenkinos bei fachgerechter Drehung sichtbar werden. Sie symbolisierten
für mich den Einblick in kleine Geheimnisse, in einer Zeit, in der alles
ins Öffentliche gezerrt wird. Vielleicht ist das nur meine Betrachtungsweise,
und die Künstlerin will etwas ganz anderes damit aussagen, aber das macht
Kunst ja so spannend. Jeder kann seine eigene Symbolik in den Kunstwerken
entdecken.
Der Besuch in der Ausstellung hat schon dadurch Spaß gemacht, dass man
fast alles anfassen konnte. Die Exponate lassen sich besser sinnlich erfassen,
weil man ihnen beispielsweise auf den Zentimeter nahe kommen oder gar
berühren kann, ohne dass eine Sirene oder ein Wachmann Alarm schlägt.
Auch die Galeristin hatte immer ein offenes Ohr für meine Fragen. Schade
nur, dass der Ausstellungsort - die Galerie kurt im hirsch -, obwohl kein
Unbekannter in der Kunstszene, so unscheinbar ist. Da die Vorderhäuser
in der Kastanienallee schon allerlei interessante Läden bereithalten,
nimmt man die kleinen Hinweisschilder auf interessante Läden in den Hinterhöfen
kaum wahr. Vielleicht hilft dieser Artikel ja, das Auge des Kastanienalleeläufers
neu zu schärfen.
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Berliner Zeitung,
9./10. April 2005. S.34.
Käthe Wenzels rätselhaftes
Blechbüchsenkino
Kleine Galerie zeigt sehenswerte Ausstellung von Käthe
Wenzel
Ich hab ja schon von einigen Kinoformen gehört,
aber das Büchsenkino ist mir gänzlich neu. Schachtelkino, Pornokino, Daumenkino,
und jetzt die Büchse
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Büchsenkinos
Pressetext zur gleichnamigen
Ausstellung in der galerie kurt im hirsch
von Akeli Mieland
Käthe Wenzel hat mal wieder eingebüchst:
Haare, Kirchen und kulturelle Identitäten. Treten sie ein in Hallen installativer
Erfahrung, kurbeln sie sich ihre Ansicht und bilden sie einen Funktionsrahmen.
Gehäkelt werden darf nicht, jedenfalls nicht vor Ort. In der Nachlese
mag manch Nutzvolles im Geflecht der Erinnerungen hängenbleiben - dagegen
ist nichts einzuwenden. Wie immer regen Käthes Werke zu spontanen Gedanken-Assoziationen
an. Sie fördern die Lust am Hinschauen, Anfassen, Fühlen, in sich aufnehmen.
Der theoretische Hinterbau wird erst nach der Verdauung des Wahrgenommenen
offensichtlich.
Zur Installation "Haarchitektur" gehört neben den "Büchsenkinos" und den
Fotoplatten weiterhin eine Kathedrale aus Haar, ein Haarzelt für die religionslose
Jetztzeit. Schützendes, Abschließendes, Getürmtes, Intimes. Der Raum ist
ständiger Wandlung unterworfen, ob in der Architektur oder am eigenen
Körper. Auch die "Expedtition ins Landesinnere" hat ihre Spuren hinterlassen.
Vorstellungen, Ideen, Gebäude: sie ändern sich schleichend, werden übertüncht,
überdauern, werden wiederaufgenommen, bewahrt, zitiert, oder nur unklar
erinnert. Wir wechseln unsere Hüllen, unsere Identitäten, und wenn es
gar nicht mehr weitergeht, legen wir uns ins Laub und vergessen uns dort.
Im Siebenschläfer-Schlaf.
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