Sittnick, Jana: Die
Sucht nach der Ferne.
In einem leeren Haus an der Schönhauser Allee stellen junge Künstler
ihre Arbeiten aus.
In: Berliner Zeitung, 19. November 2002. S.12.
Lenze,
Susanne:Vielfache Fernsucht.
Eine Ausstellung in der Schönhauser 167c.
In: Neues Deutschland, 25. Oktober 2002. S.8.
Beauty
is Fragile: Hungry. In:
Qvest Nr.6/Herbst 2002. S.12.
Kornmeier,
Uta: Ohne Skrupel.
In: Der Tagesspiegel, 1. Oktober 2002. S. 25.
Phantasien
aus Zucker In: Berliner Abendblatt, 11. September 2002.
Elmenhorst,
Lucas: Zuckerpuppen.
Eröffnungsrede zur gleichnamigen Ausstellung in der galerie kurt
im hirsch in Berlin-Prenzlauer Berg vom 8. September bis 6. Oktober
2002
Ruthe,
Ingeborg: Täuschend
lebensecht. In: Berliner
Zeitung, 18. Juni 2002. S.11
Pauly,
Katrin: Wachs
in ihren Händen. In: Berliner
Morgenpost, 4. Juni 2002. S. 14
Ullrich,
Jessica (Hg.):
Wächserne Identitäten.
Figürliche Wachsplastik am Ende des 20. Jahrhunderts. Katalog zur
Ausstellung im Kolbe-Museum. Berlin 2002. S. 62-63.
Adkins,
Helen: Eröffnungsrede
der Ausstellung im GEHAG FORUM mit Sigrid Hacker, Ricoh Gerbl,
Silke Schmidt und Käthe Wenzel. Berlin, 26. März 2002
Adam
und Eva in der Druckwerkstatt.
In: Brandenburger Woche, 27. Januar 2002
Einen
Druckstock aus Birnenholz.
In: Märkische Allgemeine Zeitung, 25. Januar 2002
Le
grand bleu. In: Märkische
Allgemeine Zeitung, 15. Januar 2002
Fluchttauglich
und reisefähig. In: Brandenburger
Woche, 20. Januar 2002
Labenski,
Helga: Blaue Stunde im
Blauen Haus". In: Berliner Morgenpost, 15. Januar
2002. S.12.
Schnaibel,
Marlies: Kunst
mit Griff. Humorvoll und
morbide: Objekte von Käthe Wenzel.
In: Märkische Allgemeine Zeitung, 14. Januar 2002. S.10.
Mieland,
Akeli: Füße zum
Wechseln? Zur Ausstellung "Wer sich an die Fakten hält,
wie sie das Wetteramt verzeichnet, gerät leicht auf den Holzweg".
In: Katalog zur Ausstellung in der Galerie Kurt Deichsel. Berlin
2001.
Ettling,
Silke: Buchstäblich infektös"
eine vorsichtige Annäherung. In: Katalog zur Ausstellung
in der Galerie Kurt Deichsel. Berlin 2001
Brandt,
Marieke: Absolut
tragbar. Eröffnungsrede der Ausstellung "Survival-Kits
für das 21. Jahrhunderts" in der Galerie Kurt Deichsel. Berlin
2000.
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Berliner Zeitung, 19. November 2002
Die Sucht nach der Ferne
In einem leeren
Haus an der Schönhauser Allee stellen junge Künstler ihre Arbeiten
aus
von
Jana Sittnick
Auf
die Frage nach dem Ort, an dem die Sehnsucht wohnt, gibt es unendlich
viele Antworten und - anders als beim Fernsehquiz - vielleicht keine
einzige, die zählt. Philosophen argumentieren anders als Tourismusmanager,
die "Traumziele" für Urlauber verkaufen.
Nele Probst verkauft keine Pauschalreisen, sie malt Bilder und organisiert
Ausstellungen. Zum zweiten Mal in diesem Jahr veranstaltet die 35-jährige
Künstlerin zusammen mit dem Kulturlabel Kook und dem Bühnenbildner
Till Kuhnert das mehrwöchige Kulturspektakel "167c" in einem leerstehenden
Haus in Prenzlauer Berg. Dieses Mal hat sie sich des ebenso schönen
wie widersprüchlichen Phänomens der Sehnsucht nach der Ferne angenommen.
Im Mittelpunkt dess Festivals der "167c - Fernsucht", an dem bildende
Künstler, Musiker, Autoren, Filmemacher und Choreografen teilnehmen,
steht eine opulente Ausstellung. 22 junge deutsche und ausländische
Künstler zeigen auf den vier Etagen der Mietskaserne ihre Arbeiten.
Dogmatisch will man nichts sein. Und so geht es um vieles, um die
Suche und Sucht nach Identitäten, Glück, Fremde oder Heimat.
Tatsächlich kann man in sehr unterschiedliche Welten eintauchen:
In einer Installation von Käthe Wenzel, die sich mit dem Wunsch,
jemand anders zu sein, beschäftigt, hängen speckige Korsagen und
Miederwaren von der Decke herab. Der fotograf Timm Kölln hat Reisebuchautoren
porträtiert, um die hinter ihren Texten verborgenen Fernweh-Gestalter
sichtbar zu machen. Ganz anders Siri Frech: In ihrem Raum verbreitet
sich Urlaubsstimmung, denn ein großes Farbfoto zeigt einen gelb-rot
glänzenden Apfel vor blauen Bergen und blauem Meer. Es ist dies
ein Apfel aus Brasilien, aufgenommen auf dem Knie der Künstlerin
in Island. Siri Frech hat das Apfel-Meer-Motiv in verschiedene Städte
der Welt zu Freunden geschickt, mit der Bitte, etwas hinzuzufügen.
Und so kann man an den Wänden des Ausstellungsraumes in Berlin eine
lange Postkartenkette in verschiedenen Variationen sehen, die die
weite reise der Fotofrucht bezeugt.
Der unmodische, überalterte Charme des leer stehenden Hauses, das
früher das Institut für Agrarökonomik der Akademie der Wissenschaften
der DDR beherbergte, ist in vielen Ecken spürbar: Betritt man das
Haus, schaut man gleich links durch ein Schiebefenster in eine winzige
Pförtnerloge, in der rote Kunststoff-Lava glüht. Auch das ockerfarben
gestrichene Treppenhaus und die hellbraun tapezierten Wände mit
Ornamenten weisen auf die ästhetischen Verbrechen in der Vergangenheit
des Gebäudes, das nach der Abwicklung des Instituts auf seine Eigentümer
rückübertragen wurde.
Weil die Erbengemeinschaft sich über die Nutzung des Hauses nicht
einigen kann, steht es leer. Eine Hausverwaltung besorgt die nötigen
Reparaturen. Voriges Jahr schlug Nele Probst dem Verwalter eine
Zwischennutzung vor. Sie hatte Erfolg, und im Januar 2002 fand "167c"
erstmals statt. Nun gibt es eine Fortsetzung mit einem Musikaufgebot,
das das Label Kook besorgt hat, mit experimentellen Filmen, Lesungen,
Gesprächen und der Aufführung eines neuen Tanzstückes von Martin
Stiefermann im nahen Dock 11. Es heißt "In ferne Süden" und erzählt
von den Träumen der Touristen.
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Neues Deutschland, 25. Oktober 2002
Vielfache Fernsucht
Eine Ausstellung in der Schönhauser
167c
von
Susanne Lenze
Dicke
Luft. Es riecht nach Auto. Ein VW, 20 Wasserkannister, eine Tonne
Sand und ein größeres Stück "Haut" sind in dem Zimmer. Stinkendes
Urlaubsauto, Meer, Strand und Sonnenbrand - Urlaub rargestellt von
Kostüm- und Bühnenbildner Till Kuhnert. In einem anderen Raum hängen
Fischhaut-Füße aus Nylon und Latex, Farbton: cosmetic oder beige.
Das Kostümobjekt wurde von Käthe Wenzel entworfen. "Hier wird eine
Sehnsucht dargestellt, eine Utopie, in eine andere Haut schlüpfen
zu wollen," sagt Nele Probst, bildende Künstlerin und Mitorganisatorin
der Ausstellung "167c - Fernsucht".
Vom 15. November bis 15. Dezember werden 22 bildende Künstler in
den Zimmern, Gängen und Treppen in der Schönhauser Allee 167c in
Prenzlauer Berg ihre Arbeiten zum Thema zeigen. Parallel zur Exposition
läuft ein Kulturprogramm mit Literatur, Musik, Performance und Film.
Bis zu 80 internationale Künstler aller Genres werden sich dabei
präsentieren, unterstützt vom Kulturlabel Kook, einem Netzwerk zur
Gegenwartskunst.
Wer durch das Haus von Zimmer zu Zimmer läuft, dem eröffnen sich
Urlaubsassoziationen, es entstehen Natur- und Umgebungseindrücke
oder welche zum Wirtschaftsfaktor Tourismus, beschreibt Nele Probst
das Projekt. Die Räume beherbergen Installationen, Malerei, Fotografie
und Videoarbeiten. Sorge bereitet den Künstlern jedoch die Finanzierung
des Projektes. Etwa 2500 Euro fehlen den Organisatoren noch, um
die Werbung, den Internetauftritt, Versicherung und Materialkosten
zu begleichen.
Fluggesellschaften, Reiseveranstalter oder Unternehmen, die mit
dem Reisethema werben, erteilten den Künstlern eine Absage. Zeitgleich
zur Ausstellung wird die Tanzkompanie MS Schrittmacher im nahe gelegenen
DOCK 11 ihr neuestes Werk "Warum in der Ferne" aufführen.
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Qvest Nr.6 / Herbst 2002 "Hungry"
"Hungry"
Knochenkorsett

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Der Tagesspiegel, 1. Oktober 2002
Ohne Skrupel
Käthe Wenzel zeigt "Zuckerpuppen"
in der Galerie kurt im hirsch
von
Uta Kornmeier
Dies ist
mein Leib", sagte der Menschensohn, als er beim Abendmahl das
Brot brach. "Nehmet und esset". Hat er sich auch in dieser
Schrippe transsubstanzialisiert, deren angebissene Ecke sich blutrot
färbte und zur klaffenden Seitenwunde wurde? Aufrecht montiert und
hinter Glas zur Schau gestellt vereint der verletzte Brotlaib die
Ikonographie des Gekreuzigten mit einem generellen Vorwurf der gequälten
Kreatur: Warum zerfleischt ihr uns? Doch Halt! Es ist ja nur eine
Ostberliner Schrippe mit ein bisschen Farbe, wahrscheinlich nicht
mal das: eher Himbeermarmelade, nehmet und esset, kein Abendmahl,
eine Einladung zum Frühstück. Lustvoll lockt die Künstlerin und Kunsthistorikerin
Käthe Wenzel den Betrachter auf falsche Fährten. So auch mit dem Titel
ihrer Ausstellung "Zuckerpuppen" in der Galerie Kurt im
Hirsch (bis 6.10. Kastanienallee 12, 2. Quergebäude, Fr-So 18 bis
22 Uhr) denn schön sind ihre Objekte aus Zucker, Brot, Wachs, Haaren
oder Knochen nicht. Zu nah am Körperlichen und dessen Verstümmelung
sind sie: Das Büschel Frauenhaar, das im trüben Wasser einer bauchigen
Flasche mit der passenden Bezeichnung "Fiasko" schwimmt,
ist keine Reliquie einer gemarterten Jungfrau mit Erlösungsgarantie,
sondern ein Skalp: "Ophelia-Trophäe" heißt das Werk. Aber
nicht alle Objekte sind so bösartig. An eine handliche Reproduktion
der Venus von Milo aus zarten, glitzernden Zuckerkristallen sind die
Arme von Michelangelos David aus leuchtend rotem Wachs montiert. Sie
passen erstaunlich gut an den schlanken Körper. Bindfäden fixieren
sie am starren Leib und bändigen zugleich ihre zupackende Kraft, die
die "Zuckerpuppe" zu zersprengen droht. Der Docht zerschmilzt
den Zucker und das Wachs der Schönheiten aus Antike und Renaissance
zu einem Energiebündel - die ideale Skulptur für die grauen Tage am
Herbstanfang.
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Berliner
Abendblatt, 11. September 2002
Phantasien aus Zucker
Prenzlauer Berg. Phantasieobjekte
aus Zucker und Wachs präsentiert die Berliner Künstlerin Käthe Wenzel
in einer kleinen Ausstellung der Galerie Kurt im Hirsch. Die verspielten
Objekte, wie Plastiken aus Zucker und mit Wachs überzogene Kostüme
und Kleidungsstücke haben oft einen Bezug zu alten Legenden und
Märchen. Käthe Wenzel will mit ihren Exponaten so die Besucher zum
Nachdenken und Fantasieren anregen. Die am vergangenen Wochenende
eröffnete Ausstellung ist noch bis zum Sonntag, dem 6. Oktober,
in der Galerie Krt im Hirsch, Kastanienallee 12, jeweils freitags
bis sonntags von 18 bis 22 Uhr zu sehen.
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Zuckerpuppen
Eröffnungsrede zur gleichnamigen Ausstellung
in der galerie kurt im hirsch in Berlin-Prenzlauer Berg vom 8. September
bis 6. Oktober 2002
von Lucas Elmenhorst
Als Zuckerplastik erhält Venus von
Milo (Zuckerpuppe IV - Prothesenvenus, Objekt, 2002), die auf dem
Transport von Rom nach Paris ihre Arme verloren haben soll, von
Käthe Wenzel ihre Arme zurück. Die kämpferisch geballten Fäuste
erweisen sich als Wachskopien der Arme von Michelangelos David,
deren Befestigungen zugleich zu Fesseln werden.
Wenzels Anliegen sind Körper und Identität. Die Körper sind jedoch
oft abwesend oder nur als Fragmente präsent und werden zu Schwammigen
Begriffen (Multiple, Objekte, 2002), wie in einer Antikensammlung
präsentierte Köpfe im Zustand der Auflösung oder Metamorphose. Wenzels
Kostümobjekte laden ein, die eigene Identität abzustreifen oder
bieten fragwürdige Ersatzhäute an, wie das prächtige Federkleid
des Flugversuchs (Objekt, 2002), dessen Fasanenfederfragmente aber
zu kurz sind, um damit davonzufliegen, oder wie die Füße der Fischhaut
(Objekt, 2002), die lose in ihrer Haut an der Wand baumeln und auf
neue Benutzer warten. Es ist Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden, die
dann als Ophelia-Trophäe (Objekt, 2002) aufgelöst in einem großen
Glasfiasco im Wasser schwimmen.
Ein Verletztes Brötchen (Objekt, 2002) zeigt unerbittlich seine
klaffende, blutrote Bißwunde, die dem Betrachter nicht mehr aus
dem Sinn geht, und entzieht sich unter seinem Glassturz einer eindeutigen
Einordnung als Ware, Reliquie oder Exponat. Das Egebnis ist verspielt,
verwirrend, morbide und ästhetisch.
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Berliner Zeitung, 18. Juni 2002
Täuschend lebensecht
"Wächserne Identitäten"
aus dem späten 20. Jahrhundert im Georg-Kolbe-Museum Berlin verbreiten
vor allem die Melancholie der Vergänglichkeit
von
Ingeborg Ruthe
Es
gibt noch Überraschendes im Berliner Ausstellungswesen: Das Georg-Kolbe-Museum,
in seinen bisherigen Skulpturenausstellungen stark dem Traditionellen
verpflichtet, zeigt nun junge Kunst, die mit großen Gefühlen spielt
- mit Ergriffenheit und Trauer, mit Schock und Ekel. Mehrfach ist
es einfach ein wortkarger Bildwitz, der Bände spricht. Dabei ist
diese Ausstellung von Wachsskulpturen keine Provokation. Auch wenn
manche Arbeit zunächst zynisch wirken mag, entpuppt sie sich bald
als melancholisch. Wachs ist eben ein vergänglicher Stoff, wie der
menschliche Körper auch.
Schon in Madame Tussauds Wachsfigurenkabinett, das vor 200 Jahren
in London und dann in Paris gegründet wurde, waren Helden zu sehen,
Märtyrer der Französischen Revolution. "Lebensecht" in
Wachs nachgebildet, sollten sie dem Publikum nahe gebracht werden.
Dieses reagierte zuerst geschockt, dann fasziniert. "Lebensecht"
hat im Kolbe-Museum auch der Londoner Bildhauer Gavin Turk den kubanischen
Superhelden Che Guevara hinter Glas wieder auferstehen lassen, machohaft-aggressiv,
pistolenbewehrt, das Barett mit dem Stern kühn in die Stirn gezogen
- ein heroischer Guerillero mit stahlharter Miene und visionärem
Blick.
Der geklonte Che steht uns als popkulturelles Abziehbild gegenüber.
Die Pose hat Turk, das ist nicht zu übersehen, von Warhols berühmtem
fotografieartigen Siebdruck kopiert, der den schießbereiten Elvis
Presley zeigt. Gerade Turks Che-Plastik verkörpert vordergründig,
worum es den 30 internationalen Künstlern in der Berliner Ausstellung
"Wächserne Identitäten" geht: um Doppelgänger und Wiedergänger,
letztlich um monströse Metamorphosen des Körpers.
Wachs lässt sich widerstandlos formen, es lässt sich zum Gießen,
zum Modellieren, zu Bossieren einsetzen. Wegen seiner glänzenden,
immer ein wenig feucht wirkenden Oberfläche kann Wachs die Beschaffenheit
menschlicher oder tierischer Haut ideal imitieren. Gerade das wussten
Bildhauer und Objektartisten zu schätzen, die im 20. Jahrhundert
ihre Obsession für den Körper wieder entdeckten. Unmengen von Wachs
verarbeiteten in den Sechzigern schon die Arte-Povera-Pioniere,
ein Jahrzehnt später die Pop-Artisten. In ihren Nachbildungen wurde
das Memoriale lächerlich und das Monströse trivial. Junge Künstler
wie der Brite Gavin Turk folgen dieser konzeptuellen Linie heute
mit ihren Mitteln.
In der Antike allerdings hatte das Wachsbild niemals ironisierende
oder gar kulturkritische Funktion: Es diente dem Totenkult. Plinius
berichtet in seiner "Naturalis Historiae" von "imagines";
er beschreibt ausführlich bienenwächserne Bildnisbüsten, die aus
Totenmasken entstanden. Sie hatten mystische Funktion: mit einem
lebensechten Abbild sollte die irdische Abwesenheit des Verstorbenen
kompensiert werden. So würde er über Generationen in Erinnerung
bleiben. Auch die alten Römer kannten Bienenwachsmasken, die den
Verstorbenen aufgelegt wurden, um die Verwesung zu kaschieren oder
die Toten vor Geistern zu schützen.
Diesen antiken "imagines" kommen im Kolbe-Museum die Plastiken
des israelischen Bildhauers Gil Shachar am nächsten. Bei ihrem Anblick
wird klar, warum es schon immer die auf Augentäuschung beruhende
Mimesis war, aus der Wachsfiguren seit Jahrtausenden ihre eigentümlich
magische Anziehungskraft beziehen. Shachars Bildnisbüste "Herrmann"
hat einen ausgeprägt autistischen Zug. Die geschlossenen Augen der
Wachsfigur verstärken das Rätselhafte. Mit dieser kopierenden Simulation
eines Menschenbildes verweist der Bildhauer zugleich auf ein Dilemma
hyperrealistischer Kunst: Mit dem Abbild entsteht ein Phantom, es
irrt umher zwischen dem Reich der Lebenden und der Toten.
Im Christentum gilt Wachs seit dem Mittelalter als Stoff, der den
Leib Christi symbolisieren konnte. Votivgaben sind häufig aus Wachs
geformt, man fertigte Bitt- oder Dankopfer - vor allem jene Körperteile,
für die man sich im Gebet Heilung oder zumindest Linderung der Schmerzen
erhoffte. In der Renaissance wurde der gefügige Stoff mit Vorliebe
für die Porträtplastik verwendet. Diese Tradition persiflierend,
stellt der Österreicher Thomas Sturm sich in der Ausstellung zweimal
selbst mit geschlossenen Augen dar, einmal in barocker Herrscherpose,
mit naturalistisch farbigen Gesichtspartien um Auge, Nase und Mund,
womit er bewusst die ernste Klassizität der Formgebung untergräbt.
Im zweiten Selbstbildnis hingegen haben Kopf, Hals und Oberkörper
das feierliche Wachsgelb von Kirchenkerzen. Der Verfremdungseffekt
ist frappierend, die Verdoppelung lässt einen schaudern: Wir leben
schließlich in einer Zeit, in der das Klonen wissenschaftlich und
technisch möglich geworden ist.
Das "Selbstporträt" des New Yorkers Paul Thek gehört zu
einer Serie lebensgroßer menschlicher Gliedmaßen aus bemaltem Wachs.
Diese "Reliquien" unter Plexiglashauben - gleichsam konservierte
Zeugnisse der Vergänglichkeit des Körpers - verstören unmittelbar.
Eine Entsprechung dazu sind die weißen "Köpfe mit Mundsperrer"
des Schweizers Anselmo Fox. Auf surrealistische Weise erinnert er
daran, dass nicht zuletzt für die Medizin noch bis Mitte des 20.
Jahrhunderts Figuren und Modelle aus Wachs zur Ausbildung gehörten.
Keine Prothese, deren Konstruktion nicht zuvor einem Wachsmodell
angepasst wurde, keine dritten Zähne, die nicht zuerst im Wachskiefer
Probe gesteckt hatten.
Die gruseligste Plastik der Ausstellung stammt von dem Londoner
Künstler John Isaac. Der Anblick einer brutal sezierten Wachs-"Leiche"
mit viel echt wirkendem Kunstblut ist eine Anatomiestunde, die sich
auf Hogarths Kupferstich "Lohn der Grausamkeit" (1751)
bezieht. Auf dessen Blatt ist dargestellt, wie ein toter Mörders
seziert wird. Sogar nach dem Tod muss der Verbrecher für seine grausame
Tat büßen.
Wolfgang Stiller aus New York verzahnt in seiner Plastik "Twins",
in der er zwei naturalistische Babyköpfe aus einer Schüssel wachsen
lässt, das Mysterium der Zeugung von Leben mit dem des Todes und
der Wiedergeburt. Damit liefert der Künstler einen sehr persönlichen
Kommentar zum Diskurs um eine fragwürdig gewordene Identität im
Zeitalter der Präimplantationsdiagnostik und zu den aktuellen bioethischen
Debatten.
Ganz anders, nämlich lakonisch und ironisch, geht Käthe Wenzel aus
Berlin das Thema an. Sie formte "Survival Kit für das nächste
Jahrhundert". Ein Ersatzteilkoffer mit wächsernen Händen, Ohren,
Brüsten - und einem Schweineherzen. Alle "Ersatzteile"
hat sie mit chinesischen Schriftzeichen versehen, aber einen Sinologen
gibt es im Kolbe-Museum nicht. Die Gebrauchsanweisung zur Selbsttransplantation
ist für unsereins untauglich.
Georg-Kolbe-Museum,
Sensburger Allee 25 (Westend), bis 11. August, Di-So 10-17 Uhr.
Am 3. August findet ein wissenschaftliches Kolloquium zum Wachsbild
statt, Tel.: 304 21 44.
Im
Internet: www.georg-kolbe-museum.de
KATALOG
GEORG-KOLBE-MUSEUM "Lebensecht" wächsern ließ Gavin Turk
aus London den kubanischen Superhelden Che Guevara hinter Glas wiederauferstehen.
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Berliner Morgenpost, 4. Juni 2002
Wachs in ihren Händen
Ausstellung im Kolbe-Museum: Künstler
entdecken ein gefügiges Material
Von Katrin Pauly
«Vorsicht Bienen!» warnt unübersehbar
das Schild am Georg Kolbe Museum. Tatsächlich schwirren da ein paar
um die Eingangstür. Im Haus selbst aber zählt nur, was von der Biene
übrig blieb, genauer: von ihrer Verdauung. Nichts anderes als ein
Verdauungsprodukt nämlich ist der Werkstoff, um den es hier geht.
Als Material für die künstlerische Verarbeitung galt Wachs lange
als nieder und unedel und schien den Bildhauern allenfalls zur Vorlagenherstellung
tauglich zu sein, doch die Ausstellung «Wächserne Identitäten» zeigt
jetzt, dass der Stoff noch ganz anderes Potential hat. Zu sehen
sind 60 Exponate von 30 Künstlern aus der ganzen Welt. Dabei sind
es vor allem junge Künstler, die das gefügige Material neu für sich
entdeckt haben. Mit den Kabinetten einer Madame Tussaud hat das
Ganze rein gar nichts zu tun. Trotzdem heißt die erste Abteilung
der Ausstellung «Doppelgänger». Surrealistisch tasten sich da die
wächsernen Gliedmaßen und Körperfragmente von Brigitte Waldach vorsichtig
aus der Wand. Gil Shachars hyperrealer «Herrmann» scheint tief nach
innen zu schauen. Mit seiner leicht glänzenden Konsistenz ist das
Material Wachs der menschlichen Haut so ähnlich, dass man glauben
könnte, man müsste Herrmann nur kurz in die Wange kneifen, dann
würde er die Augen aufschlagen. Beim lebensgroßen Che Guevara von
Gavin Turk würde man sich das natürlich nie trauen, schließlich
zielt er mit seiner Pistole direkt auf den Betrachter. Eine Pose,
die der Künstler übrigens nicht bei Che, sondern bei Elvis abgeguckt
hat.
So lebensecht und organisch das Material einerseits wirkt, so ist
es andererseits auch assoziativ mit dem Tod verknüpft. Erinnert
sei an die wächsernen Totenmasken der alten Römer. Der Österreicher
Thomas Sturm spielt mit dieser Facette, indem er sich selbst mystisch
transparent in Szene setzt. Verfremdende Selbstverdoppelungen, die
in Zeiten gentechnischer Manipulationsexperimente umso gruseliger
wirken.
Die zweite Abteilung steht unter dem Titel «Stellvertreter» und
hier verdeutlicht besonders eine Arbeit von Felicitas Franck die
unglaublichen Möglichkeiten des Materials: Sie imitiert in ihren
Wachs-Büsten edles Marmor, Alabaster oder auch Bronze, verweigert
sich aber gleichzeitig einer rein mimetischen Abbildungstradition,
indem sie beispielsweise einem Kind Hörner aufsetzt oder sich selbst
als Hund darstellt. Nebenan kombiniert die Berliner Künstlerin Margund
Smolka Körperfragmente wie etwa kleine Puppenärmchen in mehrfacher
Duplizierung zu eigenen, seltsam ornamentalen Gebilden, die wirken,
wie einer naturwissenschaftlichen Präparatesammlung entnommen.
Im Untergeschoss, das die Überschrift «Metamorphosen» trägt, spielt
auch John Isaacs mit der Tatsache, das Wachs früher häufig zu wissenschaftlichen
Zwecken verwendet wurde. Mit seinem blutigen, die Gedärme offen
legenden Leichnam rekurriert er auf die anatomischen Wachsabbildungen,
wie sie zu Studienzwecken in der Medizin verwendet wurden.
Beate Gänssle nutzt ebenfalls die anatomische Abbildkraft, widmet
sich aber nur isolierten Körperteilen, wie etwa den «21 kleinen
Arschlöchlein». Auch die in Berlin lebende Künstlerin Käthe Wenzel
separiert die Teile des Körpers und bastelt daraus das «Survival
Kit für das nächste Jahrhundert». Eine Art Ersatzbaukasten mit Brüsten,
Ohren, Herz und Händen, deren Gebrauchsanweisung zur erfolgreichen
Selbsttransplantation allerdings komplett unbrauchbar ist, da auf
Chinesisch.
Und damit die Kreativität kein Ende nimmt, mühen sich draußen vor
der Tür weiter die fleißigen Tiere ab, um für neues Material zu
sorgen. Bärbel Rothhaar hat für sie immerhin ein behagliches Zuhause
geschaffen: Eine große weibliche Terrakottafigur, die die Bienen
von innen mit Wachs beziehen sollen und in die sie direkt durch
die Brüste einfliegen können.
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Käthe Wenzel
Aus
dem Katalog zur Ausstellung Wächserne Identitäten. Figürliche
Wachsplastik am Ende des 20. Jahrhunderts" im Kolbe-Museum,
Berlin 2002.
von
Jessica Ullrich
Käthe
Wenzel benutzt Wachs als Substitut für Fleisch, womit sie sich auf
eine lange Tradition in der Kunst- und Kulturgeschichte stützen
kann. Ihr Motiv ist der menschliche Körper als Fragment. Das Körperfragment
steht der Vorstellung von der Intaktheit und Integrität des Körpers
entgegen, unterstreicht seine Verletzlichkeit und impliziert physische
Gewalt, Unterdrückung und den Verlust einer einstmals imaginierten
Einheit. Wenn Menschen als bloße Fragmente dargestellt werden, können
sie als ihrer Identität beraubt und dadurch entmachtet erscheinen.
Außerdem spiegelt sich in Darstellungen von bruchstückhaften Körpern
die Erkenntnis wider, dass heute keine gültigen Ideen eines authentischen"
Körpers mehr darstellbar sind.
In
ihrer Gleichförmigkeit erinnert beispielsweise eine Serie von wächsernen
Füßen nicht nur an die modernen Körperkopierversuche der Gentechnologie,
sondern auch daran, dass Wachs traditionell als Kopiermedium gilt.
Serielle Herstellung und liebevolle Handarbeit sind in Wenzels Abgussarbeiten
ebenso vereint wie enzyklopädisch aufgearbeitete Naturwissenschaft
und pseudoreligiöser Souvenirkitsch. Die Verfremdungen, die durch
Einfärbung des naturalistisch abgegossenen Wachses entstehen, machen
auf den Abstand zwischen Original und Kopie aufmerksam.
Wenzels
tragbarer Ersatzteilkoffer" mit jederzeit verfügbaren,
austauschbaren Brüsten, Ohren, Händen und Herzen spielt weniger
auf Duchamps La Boîte en Valise" an als auf Auswüchse
des heutigen Körperkultes und die fragwürdigen Errungenschaften
moderner Schönheitschirurgie und Prothesenmedizin. Die Illusion,
man könne Körperteile nach Bedarf einfach austauschen, wird mit
der beigelieferten, unbrauchbaren, da chinesischen, Gebrauchsanweisung
Lügen gestraft. Dass die inneren Organe aus Abgüssen tierischer
Körperteile entstanden sind, ist nur folgerichtig: Wird doch schon
lange das Schweineherz menschlichen Patienten transplantiert. Das
Fleisch ist eine Kategorie, die alles Lebendige teilt. Der Körper
wird in Käthe Wenzels Wachsobjekten auf drastische Weise auf seine
vergänglichen Elemente reduziert allerdings nicht ohne die
Frage nach etwas Dauerhaftem zu stellen, das über die fleischliche
Existenz hinausweist. Es ist denn auch der schmale Grat zwischen
lebendem und totem Fleisch, der Wenzel interessiert. So möchte sie
ihre wächsernen Fleischstücke auch als künstlerische Kommentare
zur Materialismus-Idealismus-Debatte verstanden wissen. Einem naturalistischen
wächsernen Lammrücken, den sie mit Federn ausstattet, gibt sie den
Titel Himmelfahrt", um Vorstellungen über die Auferstehung
des Leibes zu hinterfragen. Ebenso wie Paul Theks Arbeiten, in deren
Nachfolge Wenzels Fleischstücke zu lesen sind, erinnern solche Objekte
an aufwändig verzierte religiöse Opfer wie auch an Reliquien.
Aus:
Ullrich, Jessica (Hg.): Wächserne Identitäten. Figürliche Wachsplastik
am Ende des 20. Jahrhunderts. Katalog zur Ausstellung im Kolbe-Museum.
Berlin 2002. S. 62-63.
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Eröffnungsrede der Ausstellung im GEHAG FORUM
mit Sigrid Hacker, Ricoh Gerbl, Silke Schmidt und Käthe Wenzel
am
26. 3. 2002 © Helen Adkins
(...)
Käthe Wenzel, 1972 in Aachen geboren, hat Kunstgeschichte, Geschichte
und Anglistik studiert und arbeitet seit 1994 als bildende Künstlerin.
Bezeichnend für die Arbeiten, die hier sind, ist, dass sie alle
zumindest theoretisch tragbar sind. Wenzels Leitgedanke
ist der des Verreisens, des Weggehens. Sollte das Abendland zugrundegehen,
würden wir auf der Flucht das Wichtigste mitnehmen. Käthe Wenzel
macht uns hierzu ein zweifaches Angebot: Wir können uns entweder
für das Katholische" oder für das Protestantische
Fluchtgepäck" entscheiden. Handlich tragbar, ähnelt die kompakte
katholische Kirche dem Bauchladen eines ambulanten Künstlers, der
mit Porträts auf Standardhintergrund Geld verdient. Es ist eine
Art Bausatz mit verschiedenen Druckstöcken für die entsprechenden
Grundmotive wie Schweißtuch oder Flammendes Herz, Probedrucke, Druckfarbe
sowie das nötige Kleinwerkzeug. Die Bibel ist wohlgemerkt nicht
dabei und die mit erhobenem Zeigefinger mahnende Hand stellt nicht
nur ein kirchliches Motiv dar.
Während
die Katholiken doch etwas lebendiger in rot/schwarz die Basis ihres
Glaubensbekenntnisses mitnehmen dürfen, sind die Protestanten nur
im strengen Schwarz ausgestattet. Bemerkenswert bei den Druckmotiven
ist, dass sie meist einer Ergänzung bedürfen. Beim Neuanfang gibt
es Raum für Veränderung.
Bei
Adam und Eva" nach Lucas Cranach werden wir zu unseren
Anfängen zurückgeführt: In jeweils 32 Teilen können Adam bzw. Eva
gedruckt werden pur und original, aber auch gemischt, als
androgyne Wesen.
Die
sanft ironischen Arbeiten von Käthe Wenzel stellen die grundlegende
Frage nach der Identität des Menschen, nicht im individuellen Rahmen,
sondern in Wissenschaft und Glauben. Wir können die kleinen Druckplatten
austauschen, vielleicht können wir auch Gene manipulieren.
Grundlegend
für die Kleidungsstücke mit Titeln wie Salatwams" oder
Haarmieder", war für die Künstlerin das Buch The
Power Book" der jungen englischen Autorin Jeanette Winterson.
Die erfolgreiche Schriftstellerin und bekennende Lesbierin schreibt
im Anfangskapitel ihres jüngsten Werkes ihr Credo vom Leben. Alles
ist Fiktion, alles Verkleidung. Ein Individuum entsteht erst durch
seine Kleidung, sie verschmilzt mit dem Leib. So ist es dann auch
möglich auf einer allegorischen Ebene sein Selbst abzugeben und
ein neues anzuziehen. Käthe Wenzel nimmt Winterson aufs Wort, und
einige der fantastischen Kleidungsstücke sind sogar mit Textpassagen
aus dem Buch bestickt.
"Undress.
Take
off your clothes. Take off your body. Hang them up behind the door.
Tonight we can go deeper than disguise."
So
etwa: Leg ab. Leg deine Kleider ab. Leg Deinen Körper ab.
Häng sie hinter die Tür. Heute Nacht können wir tiefer gehen als
Verkleidung."
Leib
und Verkleidung werden eins. Die Knochen, auch Organe, das Herz,
werden zu Kleidungselementen: Dazu dienen Kleintierknochen, die
an den Stoff angenäht werden, Stickereien oder auch Salatköpfe,
die mit der zeit stark schrumpeln. Käthe Wenzel näht von historischen
Schnitten, der Schnitt für das Netzwams" ist aus dem
16. Jahrhundert, die meisten anderen entstammen dem viktorianischen
Zeitalter; dabei verwendet die Künstlerin traditionelle Stoffe wie
Seide und Leinen, Nessel und Batist.
Bis
auf das Kleid mit dem Namen Lady Maud Warrender", dessen
Schnitt der Garderobe dieser Dame entstammt, und hier mit ihr schon
namentlich verschmolzen ist, tragen die meist ausgesprochen weiblichen
Kleidungsstücke schlichte Gattungsbenennungen wie Knochenkorsett",
Haarmieder" oder Herzhemd"; ihre sorgfältige
Bearbeitung, in Verbindung mit unerwarteten, quasi intimen Komponenten,
verleiht ihnen einen erotischen Charakter, der jedoch durch den
historischen Schnitt jegliche voyeuristische Komponente ausschaltet.
Das Salatwams ist sehr fragil, das Knochenkorsett hingegen erscheint
recht robust. Die Kleidungsstücke haben eine Seele, einen Charakter
und stehen bereit, eine leibliche Hülle mit Leben zu bekleiden.
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Brandenburger Woche, 27. Januar 2002
Adam und Eva in der Druckwerkstatt
Heute:
Workshop im Haus Gartenstraße
"Galerie
um 4" heißt es auch in diesem Jahr wieder im Kulturzentrum Haus
Gartenstraße in Nauen. Der Auftakt der Veranstaltungsreihe im neuen
Jahr ist am heutigen Sonntag, den 27. Januar, um 16 Uhr. Innerhalb
der Kunstausstellung "Käthe Wenzel: Le Grand Bleu: Angebote zum
Verkleiden", die derzeit in der Galerie des Hauses zu sehen ist
(BRAWO berichtete), bietet der Kulturverein Haus Gartenstraße einen
Workshop an. In einem Künstlergespräch gibt Käthe Wenzel zunächst
Auskunft zu ihren Arbeiten, insbesondere zu den beiden fragmentierten
Holzschnittarbeiten im Tragekoffer "Adam und Eva" nach Lucas Cranach.
Anschließend unternehmen die Teilnehmer des Workshops gemeinsam
mit der Künstlerin eigene "Ausflüge" in die Kunst des Holzschnitts.
Jeder erstellt einen Druckstock aus Birnenholz, wie schon Albrecht
Dürer. Krönender Abschluß ist der Druck eines Gemeinschaftskunstwerks
aller Beteiligten.
Material und Werkzeug werden gestellt. Mitzubringen ist lediglich
gute Laune. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich. Der Eintritt
kostet 5 Euro, ermäßigt 3,50 Euro. Auch das Galerie-Café ist heute
geöffnet.
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Märkische Allgemeine Zeitung, 25. Januar 2002
Einen Druckstock aus Birnenholz
...können
Besucher der "Galerie um 4" anfertigen, wenn Käthe Wenzel am Sonntag
dieser Woche einen Workshop abhält. Die Berliner Künstlerin lädt
um 16 Uhr in das Haus Gartenstraße von Nauen ein. Sie spricht über
ihre Arbeit in der Ausstellung "Le Grand Bleu". Dazu gehören auch
"Adam und Eva im Tragekoffer", bestehend aus Holzschnittarbeiten
nach Lucas Cranach.
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Märkische Allgemeine Zeitung, Kulturkalender, 15. Januar 2002
Le grand bleu - Angebote zum Verkleiden bietet Käthe Wenzel im
Kulturzentrum Haus Gartenstraße
Käthe Wenzel hat ein Faible für ausgefallene
Kleidungsstücke, die sie mit Nadel und Zwirn kaum wahrnehmbar verfremdet.
Aus historischen Schnitten entstehen eigenwillige Korsagen und Gewänder.
Der andere Teil der Ausstellung gleicht einem Raritätenkabinett:
aufgespießte Fische oder angsteinflößende Wachsabgüsse in verglasten
Schaukästen.
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Brandenburger Woche, 20. Januar 2002
Fluchttauglich und reisefähig
Fluchttauglich und reisefähig sind
die Kunstobjekte von Käthe Wenzel - Kunst zum Mitnehmen eben. Auch
deshalb wohl sind die meisten ihrer Objekte mit einem praktischen
griff zum Tragen versehen. "Ich verarbeite in meinen Objekten Dinge,
die man eigentlich überhaupt nicht braucht, aber die man auch nicht
wegwerfen möchte. Ich verfremde diese Dinge so, dass ich sie nicht
mehr benutzen kann. Aber man erkennt auch, was noch so darin steckt."
Die junge Berliner Künstlerin stellt derzeit ihre Objekte in der
Galerie Gartenstraße in Nauen aus. Neben ihren "Fluchtversionen",
darunter die "Bibliothek von Alexandria" und der Bausatz für ein
Kriminalstück, die sich allesamt transportieren lassen, sind auch
verfremdete Kleidungsstücke zu sehen. Basierend auf historischen
Schnitten sind verschlungene Roben und Korsagen entstanden, die
dem Zusammenhang von Kleidung, Körpergefühl und Selbstbild nachspüren.
So ist eine Weste mit Salatblättern besetzt und ein Kleid mit einer
Korsage aus Knochen versehen.
Am 27. Januar lädt Käthe Wenzel zu einem Workshop ein. Ab 16 Uhr
können Interessierte unter Anleitung der Künstlerin kleine Holzschnitte
anfertigen, die sich an dem ausgestellten Zyklus "Adam und Eva"
nach Lucas Cranach orientieren. Im Ergebnis soll eine Druckvorlage
für einen gemeinsamen druck entstehen.
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Berliner Morgenpost, 15. Januar 2002
Blaue Stunde im "Blauen Haus"
Das Nauener Haus Gartenstraße gilt als Oase
in kultureller Wüste. Die Galerie macht derzeit "Angebote zum Verkleiden"
von
Helga Labenski
Am
"Blauen Haus" kann niemand vorbeigehen. Die im auffälligen Blaun
getünchte Fassade mit den ockergelben Fensterläden leuchtet entlang
der Bundesstraße nach Velten von weitem aus dem einheitsgrau der
sonst von Zweckbauten und Plattensiedlung geprägten Ausfallstraße.
Sehr zum Ärger von Heimatkundlern ist das "blaue Haus" zum Synonym
geworden für den Komplex des Kulturzentrums Haus Gartenstrasse.
Denn eigentlich war das kleine Haus nur Nebengebäude des ehemaligen
Lazaretts aus dem 18. Jahrhundert, das sich die Musik- und Kunstschule
Havelland und der Verein "Haus Gartenstrasse" seit der Restaurierung
der historischen Gebäude vor zehn Jahren teilen.
Sonntag, zur blauen Stunde im Kulturzentrum "Blaues Haus". Ausstellungseröffnung
im Haus Gartenstraße. Es geht familiär zu. Besucher der Vernissage
haben ihre Kinder mitgebracht. Die lauschen mit offenen Mündern
den melancholischen südamerikanischen Liedern, die Maria Beierlein
de Gutierrez, begleitet von ihrem Mann Daniel, singt. Man kennt
sich. Die junge Künstlerin, die an diesem Tag ihre Werke präsentiert,
fällt im Gedränge kaum auf. Ungewöhnliche Objekte hat die Aachenerin
Käthe Wenzel geschaffen. Wächserne Herzen oder Federn. Den Devotionalienschrein
eines Stierkämpfers - alles in Schaukästen wie in einer Raritätensammlung
drapiert. Kleider, Blusen und Korsagen, angelehnt an historische
Vorbilder, aber durch wenig alltägliche Materialien verfremdet.
Natürlich spielt auch hier wieder die Farbe Blau eine Rolle. Unter
dem Titel "Le Grand Bleu" macht Käthe Wenzel Angebote zum Verkleiden.
Dafür, dass ein Korsett aus Entenknochen mit 720 Euro (1400 Mark)
viel teurer ist als ein ganzes Kleid mit Knochenkorsage für 283
Euro (550 Mark) hat die 29jährige Wahlberlinerin eine entwaffnende
Erklärung. "Die Korsage möchte ich eigentlich gar nicht verkaufen.
Nur wenn es wirklich viel einbringt."
Permanente Geldsorgen hat auch das Kulturzentrum Haus Gartenstraße.
Der Kreis als Träger der Einrichtung verlangt eine Beteiligung der
Stadt - aber die ist pleite. Um die Zuschüsse müssen die Organisatoren
von Jahr zu Jahr wieder bangen. "Wir hoffen natürlich, dass uns
das erhalten bleibt. Wenn es dieses Haus nicht gäbe, dann wäre hier
weit und breit gar nichts," sagt Ute Gröll vom Vereinsvorstand.
"Dabei läuft es wirklich gut."
15 000 Besucher kamen im vergangenen Jahr in die Galerie. Die erfolgreiche
Reihe mit Jazzveranstaltungen "Gartenstraße live" startet wieder
am 2. März. Auch die Musik- und Kunstschule unter dem selben Dach
ist gut besucht. Kinder können hier in Kursen ihrer Fantasie freien
Lauf lassen, Erwachsene ihre Kreativität entdecken. Neben dem Musikunterricht
sind Malerei, Grafik, Keramik im Angebot. Es gibt eine Theatergruppe
und ein Team, das sich um Bühnenbilder und Kostüme kümmert. Auch
Käthe Wenzel plant im Rahmen der Schau einen Workshop in Nauen.
Ihre Ausstellung "Angebote zum Verkleiden" ist bis zum 23. Februar
dienstags bis freitags von 12 bis 18 Uhr und sonnabends von 15 bis
18 uhr zu sehen. der Eintritt ist frei.
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Märkische Allgemeine Zeitung, 14. Januar 2002
Kunst mit Griff
Humorvoll und morbide: Objekte von Käthe Wenzel
von
Marlies Schnaibel
Den
Satz "Kleider machen Leute" hat Käthe Wenzel auf den Kopf gestellt.
Ihre Kleidungsstücke sind zwar aus Samt und Seide und allesamt schön
anzuschauen, aber tragbar sind sie nicht. Dafür sorgen die ungewöhnlichen
Beigaben, Leute haben in ihren Kleidern nichts zu suchen. Vielmehr
finden diese in der Salatweste, dem Hexenhemd, dem Netzwams oder
dem Federmieder Dinge, die ihnen gut vertraut sind. Meinten sie
zumindest bisher. Doch Käthe Wenzel holt diese Dinge aus dem vertrauten
Umfeld heraus und gibt ihnen einen zweiten Sinn; sie fragt nach
dem Hintersinn, wenn sie Entenknochen zu Corsagen verarbeitet, wenn
sie Batiststoffe mit Salatblättern besetzt, wenn sie ein Seidenherz
im Nesselhemd schlagen lässt. Das Ergebnis ist verspielt, verwirrend,
morbide, ästhetisch - zu sehen seit gestern in der Galerie des Nauener
Kulturzentrums "Haus Gartenstraße".
So untragbar die verfremdeten Kleidungsstücke sind, so tragbar sind
die Objekte von Käthe Wenzel. Da hängen die kleine Fluchtversion
"Bibliothek von Alexandria", der Stierkämpferaltar in karibischer
Variante und der Bausatz für ein Kriminalstück an der Wand - die
Materialcollagen sind in Kästen arrangiert, die sich zusammenklappen
lassen. Die Kästen mit Griff ergeben Kunst zum Wegtragen und Mitnehmen.
Sie erinnern an Raritätenkabinette und Naturkundemuseen: Wachsabdrücke
von Organen, Schädel, Exotenfedern, getrockneter Kabeljau, alte
Zeitungen, Blattgold, Brokat, Koteletts, aus Wachs treffend nachgebildet,
sind mit Federn bespickt und schweben durch den Raum. Hier treffen
sich Kunst, Wissenschaft, Religion und Konsum auf phantasievolle,
humorvolle Weise. Das Publikum geht meist ebenso humorvoll und phantasievoll
mit den Dingen um. Das konnte Käthe Wenzel schon oft beobachten,
denn seit mehr als drei Jahren stellt sie ihre Arbeiten aus.
Käthe Wenzel wurde 1972 in Aachen geboren. Sie studierte Kunstgeschichte,
Anglistik und Geschichte in Marburg, Florenz und Berlin, wo sie
seit einigen Jahren lebt und arbeitet. Sie stellte in der Kleinen
Humboldtgalerie und immer wieder in der Galerie Kurt Deichsel Berlin
aus. Im Februar sind ihre Arbeiten in Greifswald zu sehen.
Am 27. Januar, wenn es im Nauener Haus Gartenstraße wieder heißt
"Galerie um 4" lädt die Künstlerin zu einem Workshop ein. Dann können
Interessierte sich unter ihrer Anleitung an kleinen Holzschnitten
versuchen, die sich an dem ausgestellten Zyklus "Eva und Adam" nach
Lucas Cranach orientieren.
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Füße zum Wechseln?
von
Akeli Mieland
Schauvitrinen,
Tragekoffer, Setzkästen die Objekte von Käthe Wenzel geben
Anlass zu vielfältigen Assoziationen zu Aufbewahrung und Zurschaustellung.
In schlichten, einfarbigen Holzkästen sind abgeschlossene Stilleben
arrangiert. Wie auf einer Bühne befinden sich die Gegenstände darin:
Wächserne Nachbildungen von Körperteilen, Knochen, getrocknete Pflanzen,
Korallen und Muscheln teilen sich gemeinsam einen begrenzten, aber
immer großzügig bemessenen Raum.
Auf
den ersten Blick fällt die frohe und treffsichere Kombinationslust
auf, mit der die Einzelteile arrangiert sind. Auf den zweiten Blick
sind die Arrangements sehr lesbar. Aus den Gegenständen, die in
ihrer Losgelöstheit zum Symbol werden, ergeben sich bildliche Metaphern.
Herausgelöst aus ihrer natürlichen Umgebung, abgetrennt von den
Körpern, von denen sie sonst ein Teil sind, stehen sie plötzlich
für sich allein, und werden als selbständiges Organ wahrgenommen.
In
ihren ungewohnten Zusammenstellungen regen sie neue Gedankengänge
an. Das Herz aus Wachs bekommt Flügel und macht sich mit seinem
Gedanken und Gefühlswirrwarr auf die Reise. Bücher bekommen Ausschlag,
ihr Inneres drängt nach außen durch aufbrechende Pusteln, den Geschichten
wird schlecht, die verstaubte Literatur übergibt sich.
Füße
stehen wie Schuhe nebeneinander, scheinbar wissenschaftliche Präparate
im maßgefertigten Schaukasten. Gibt es bald Füße zum Wechseln? Für
jeden Tag ein neues Paar?
Hinter
Käthe Wenzels Objekten steht eine große Bereitschaft, sich die immer
wiederholten Stereotypen der abendländischen Kultur zu eigen zu
machen. Abgenutzte Formeln werden damit zurück ins Leben geholt,
wenn es sein muss, erfrischend respektlos, so dass die Hülle aus
nicht mehr nachvollziehbarer Wertschätzung durchbrochen wird, und
der Betrachter ein eigenes Gefühl für ihre Wesensart und ihre Bedeutung
entwickeln kann.
Aus:
Käthe Wenzel. Wer sich an die Fakten hält, wie sie das Wetteramt
verzeichnet, gerät leicht auf den Holzweg.
Katalog zur Ausstellung im Offenen Atelier Kurt Deichsel, Berlin,
vom 31. Mai bis 31. Juli 2001. Edition Kurt Deichsel, Berlin 2001.
S. 1-4
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Indianerspiele beim Osterfestessen
von
Ulrike Gamst
Federn,
Knochen, Wachsabformungen von Füßen, Herzen, Lammrücken und Büchern,
auf Samt, hinter Glas, vor Kerzen, in Schubladen, auf einem Altar
alles zum Mitnehmen, oft versehen mit einem praktischen Griff
das verbirgt sich hinter Titeln, die ein Spektrum von Notre
Dame de la Salade (Objekt; 2001), Buchstäblich infektös (Objekt,
2001) bis zu einem Stierkämpferaltar (karibische Variante) (Portable,
2001) ausbreiten.
Es
eröffnet sich ein Assoziationsfeld, in dem die Objekte um abstrakte
Begriffe wie Religion, Wissenschaft und Sakralität zu schwingen
beginnen. Assoziationen um und durch religiöse Inszenierungen werden
mit verfremdeten und befremdenden Gegenständen besetzt und in tragbaren
Schränken inszeniert. Schränke, die die Gedanken in Richtung Kuriositätenkabinett,
Altar und geheiligte Wissenschaft lenken. Im Gegensatz zu diesen
feste und unverrückbare Werte der Wahrheit verkündenden Orten und
Objekten, bestechen Wenzels Inszenierungen durch ihre Fluchttauglichkeit
und pragmatische Reisefähigkeit. Es handelt sich also um kulturelle
Werte zum Mitnehmen, materialisierte Erinnerungen in Objektform
.- culture to go.
Woher?
Wohin? Warum?
Man
kann nie wissen, ob man es (was?) noch brauchen wird, oder ist man
gar schon auf der Flucht ohne es rechtzeitig bemerkt zu haben?
Jedenfalls ob wir fliehen oder erst auf dem Sprung sind,
unsere Werte müssen wir nicht dem Untergang preisgeben. Die sakrale
Art und Weise, in der unser Wissen, unsere funktionalen, symbolbehafteten
Körperorgane, unsere Essensreste, Knochen, als zuletzt verwesendes
organisches Material, präsentiert werden, wird unterlaufen durch
den Pragmatismus und das handfeste Herstellen von Ungenauigkeiten
in der Wiedergabe unserer ewigen Werte.
Ironisch
verknüpft sich eine kleine, wohnzimmergerechte Venus von Milo mit
Salatblättern vegane Kunst?
Ein
Lammrücken wird mit exotischen Federn südamerikanischer Aras in
die Nähe von einem Häuptlingsschmuck der Sioux verwiesen
Indianerspiele während des Osterfestessens?
Auf
der Flucht kann man die kulturellen Elemente, die uns von Kindheit
an prägen, schon mal durcheinanderbringen. Wenzels Fluchtversionen
machen diese verschwommenen Erinnerungsbilder sichtbar und inszenieren
sie in aller Unschuld auf die gleiche Art und Weise wie die ortsgebundenen
Vorbilder zum Mitnehmen.
Aus:
Käthe Wenzel. Wer sich an die Fakten hält, wie sie das Wetteramt
verzeichnet, gerät leicht auf den Holzweg.
Katalog zur Ausstellung im Offenen Atelier Kurt Deichsel, Berlin,
vom 31. Mai bis 31. Juli 2001. Edition Kurt Deichsel, Berlin 2001.
S. 5-8
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"Buchstäblich infektös" eine vorsichtige Annäherung
von
Silke Ettling
Zugegeben
es schüttelt einen beim Anblick dieser Bücher, die, oredentlich
nebeneinander aufgereiht, auf samtenen Kissen in ihrem Schaukasten
hängen. Schon will man sich angewidert abwenden und bleibt dann
doch, tritt noch einmal heran an den Kasten, lässt seinen Blick
genauer über die Oberflächen gleiten, betastet mit den Augen die
entzündeten Stellen und Beulen, stolpert über Eiterherde
und ist fasziniert. Trotzdem ein Ekelgefühl bleibt.
Die
Situation, in die wir beim Anblick dieser Arbeiten geraten, ist
spannungsgeladen. Sie provoziert zwiespältige Gefühle, die sich
nicht glätten lassen, die zwischen der Lust zu schauen und dem Drang
sich abzuwenden hin und her pendeln. Es fasziniert zu sehen mit
welcher Kunstfertigkeit die Geschwüre aus dem Wachs der Abgüsse
und durch das Hinzufügen von Farbe herausmodelliert worden sind,
wie sie sich über die Buchdeckel ausbreiten und aus dem inneren
der Bücher heraus an die Oberfläche zu brechen scheinen.
Man
bekommt Lust, die Bücher in die Hand zu nehmen, ihre Oberflächen
zu ertasten, die Entzündungsherde zu ergründen, doch anders als
beim Katholischen Fluchtgepäck (Portable 2001) oder dem Stierkämpferaltar
(karibische Variante) (Portable 2001) ist einem der direkte
Zugriff auf diese Objekte verwehrt. Der Schaukasten rückt sie in
greifbare Nähe und hält sie doch auf Distanz zu ihren Betrachtern
die Verhältnisse scheinen klar geordnet, und doch wird die
Sache dadurch nicht einfacher.
In
seiner nüchternen Aufmachung gibt der Schaukasten einen klar gegliederten
Betrachtungsrahmen vor, der den Blick auf die so präsentierten Buchobjekte
konzentriert und in gewisser Weise versachlicht. Eine in heutigen
Museen durchaus übliche Betrachtungspraxis, die jedoch gerade bei
Büchern immer wieder erstaunt, da sich ihre mögliche Bedeutung letztlich
erst über die Lektüre erschließen lässt. Doch darum scheint es bei
den Buchobjekten in diesem Schaukasten gar nicht zu gehen, denn
schließlich handelt es sich in diesem Fall um Abgüsse von Büchern
und nicht um diese selbst.
Man
kann nicht in ihnen lesen und stellt es sich doch vor, vorausgesetzt,
man überwände das Ekelgefühl, das sich bereits im Angesicht der
modellierten Geschwüre einstellt und wohl noch um ein Vielfaches
größer wäre, würde es sich bei ihnen um reale Entzündungsherde handeln,
denen man sich ungeschützt nähern könnte. Würde man solche Bücher
zur Hand nehmen, wenn man beim Stöbern zwischen den Buchreihen einer
Bibliothek unvermittelt auf sie stoßen würde?
Der
Schaukasten schützt diese Objekte nicht nur vor dem Zugriff ihrer
Betrachter, sondern bewahrt auch uns davor, die Neugier auf diese
Bücher ernsthaft unter Beweis stellen zu müssen. Die Situation erinnert
an einen Giftschrank, der Gefährliches vor dem unkontrollierten
Zugriff anderer verschließt, gleichzeitig aber auch Schutz bietet
für Kostbares, das vor dem Verlust oder Verfall bewahrt werden soll.
Was aber ist kostbar an einem Buch, das durchsetzt bzw. überzogen
ist von Geschwüren? Das es rechtfertigt, es aus dem Giftschrank
herauszunehmen und zur Anschauung zu bringen? Kann man seinen Verfall
aufhalten, indem man es isoliert? Auf diese Weise verhindern, dass
sich der Erreger weiter ausbreitet? Und wer infiziert hier eigentlich
wen?
Unklar
bleibt die Wurzel der Entzündungsherde und die Art ihrer Ausbreitung.
Zur Schau gestellt wird lediglich ein bestimmter Grad der Infektion,
exakt herausmodelliert aus dem Wachs und den Möglichkeiten der Farbe.
Weiter gibt es nichts zu lesen. Es fehlen die Wörter, mit deren
Hilfe wir uns Zusammenhänge erschließen könnten, da sie Fakten benennen
und Zustände beschreiben, Bilder in Sprache umsetzen, Verhältnisse
ordnen und analysieren und uns dadurch den Anschein einer Ordnung
vermitteln, die uns zugänglich erscheint.
Das
Denken aber, das sich an der beschienenen Oberfläche bewegt,
das jederzeit an dem Faden der Kausalität nachgezählt werden kann,
braucht noch nicht das Lebendige zu sein", so Robert Musil
in seinen Verwirrungen des Zöglings Törleß". Ein
Gedanke (...) wird erst in dem Moment lebendig, da etwas, das nicht
mehr Denken, nicht mehr logisch ist, zu ihm hinzutritt."
Es
ist der Reiz der Kunst und dieser zur Schau gestellten Objekte,
dass sie uns an die Grenzen dessen führen, was wir mit analytischem
Verstand zu erfassen glauben, und uns dazu herausfordert, den Assoziationen
zu folgen, die sie in uns hervorrufen. Und vielleicht liegt ja auch
gerade hierin die Nähe zwischen den buchstäblich infizierten Objekten
im Schaukasten und ihren Artgenossen in der Bibliothek begründet.
Aus:
Käthe Wenzel. Wer sich an die Fakten hält, wie sie das Wetteramt
verzeichnet, gerät leicht auf den Holzweg.
Katalog zur Ausstellung im Offenen Atelier Kurt Deichsel, Berlin,
vom 31. Mai bis 31. Juli 2001. Edition Kurt Deichsel, Berlin 2001.
S. 14-20
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"Absolut tragbar - Survival-Kits für das 21. Jahrhundert"
Rede zur Eröffnung der Ausstellung am 8. Juni
2000.
von
Marieke Brandt
Diese
Objekte tragen den Namen "Survival-Kits". Dazu muß erstmal
festgestellt werden, daß diese Objekte - wie alle Objekte, schlimmer
noch als Subjekte - irgendwie verdächtig sind. Sie sind hochgradig
nervös, ständig in Bewegung, flüchtig. Sie werfen sich Namen über
wie Tarnmäntel: Reisealtar, oder Bibliothek von Alexandria, Fluchtversion.
Sie heißen Le Grand Bleu oder behaupten, ein katholisches Fluchtgepäck
zu sein.
Diese Objekte sind ein Prêt-à-Porter der Panikkultur. Sie erzählen
davon, wie in unberechenbaren Zeiten Fluchtgepäck salonfähig wird.
Doch kaum sind sie drin, im Salon, sind sie auch schon wieder weg.
Darin sind sie wie die Transsibirische Eisenbahn: kaum ist da Sibirien,
schon sind sie hindurch und irgendwo jenseits wie Transsilvanien,
das jenseits, nämlich hinter den Wäldern liegt.
Hinterwäldlerisch sind sie deshalb nicht.
Nur etwas unheimlich.
Sie tauchen in ein bekanntes Medium ein, sagen wir, in die Fotografie
oder Malerei, beleben es mit ihrem Charme, und verschwinden durch
die Dunkelkammer. Zugleich vagabundieren sie im Grafischen und behaupten,
bloß eine Zeichnung zu sein. Sie wildern in der Literatur und nomadisieren
durch die ganze Weltgeschichte, mindestens jedoch durch das Zeitalter
der Aufklärung 1-3.
Aufklären tun sie aber gar nichts. Eher verwischen sie alle Spuren.
Anhaltspunkte kommen gar nicht vor. Sie sind einfach nicht zu fassen.
Das heißt, diesseitig sind sie gar nicht faßbar. Sie sind zugleich
dies und das, dies und jenes, und zwar hier wie dort.
Wir ahnen, hier muß eine hochprozentige Mischung aus Zufall und
Kalkül im Spiel sein. In diesem Sinne kann es mir jetzt nicht darum
gehen, Klarheit zu schaffen. Vielmehr geht es darum, größtmögliche
Verwirrung zu stiften. Hier steht Fluchtgepäck bereit. Wer flieht
hier? Und wohin? Wovor? Niemand weiß es. Die Objekte verraten es
uns nicht. Aber sie geben dem Unberechenbaren etwas mit auf den
Weg.
Dies ist eine ausgesprochen nomadische Ausstellung. Sie ist ein
Symposion zum Thema "Absolut überlebensnotwendig". Hier
stehen Koffer, gepackt mit dem Allerüberlebensnotwendigsten. Wer
braucht schon Zahnbürsten, wenn er einen Reisealtar haben kann?
Und was die Reiseziele und Zufluchtsorte angeht, so erübrigt sich
auch das von selbst. Nomaden kommen nie wirklich irgendwo an.
Warum sollten sie auch? Schließlich sind sie ja Nomaden.
Darüber sollten wir nachdenken. Aber nicht hier.
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